Gerwin Zohlen

Genial, lehrt die Erfahrung, soll man ein Bauwerk nicht nennen, das als Umbau und Nachnutzung daherkommt, nicht als Neuschöpfung aus einer Hand. Und doch, im Fall des Hochbunkers an der Ecke Reinhardt- und Albrechtstraße in Berlin Mitte, der zur Sammlung Boros mutierte, will einem dieses Beiwort nicht aus dem Sinn gehen. Hier stimmt alles zusammen, außen und innen und obenauf, der Inhalt – die hohe und kostbare Gegenwartskunst – mit der Anmutung und dem Auftritt des architektonischen Gehäuses, das nun als Schatzhaus und nicht mehr als Wehrburg zu lesen ist. Wohl wahr, das Gebäude zeigt außen immer noch den zum Grobianischen tendierenden Klassizismus des Dritten Reiches, dem der Bunker entstammt, die plumpen Gesten der Albert Speer und Co. Da sind die Fenster-, oder richtiger Lüftungsschlitzeinfassungen mit den wuchtigen Gewänden und gleichförmig behandelten Sohlbänken, die übergroßen Portalhäuser mit ihrem Kammputz und natürlich der mächtige Architrav mit den schrägen Gesimsstützen aus Beton. Aber immerhin ist all das trotz massiger Attitüde gehörig proportioniert, sind die Lüftungs- und Lichtschlitze in der Wand gruppiert und variieren sogar in Form und Größe. Und das gesamte Gebäude wurde zwar als wuchtiger, mächtiger, massiver Baukörper, aber auch integral als einer mit Sockel, aufgehender Wand und Dachabschluss behandelt – architektonisches Handwerk, das in der Nachkriegsmoderne so gut wie ganz aus dem Instrumentarium der Architektur verschwunden ist. Und trotz seiner martialischen Erstaufgabe zeigt der Bau nach der Sanierung, die ihm widerfahren ist, nun eine erstaunlich gute, angenehme Figur.

Da sind zunächst die Kleinigkeiten, etwa die reparierten Sitzbänke um den Sockel. Gewiss, auf Fotos fallen sie kaum auf, weil der Bau insgesamt so riesig wirkt. Aber wer um ihn herum geht oder sich ihm nähert, auch wer als Passant vorbeikommt und sein Handy schrillen hört, wird sich gern für einen Moment auf die Steinbänke setzen. Die Narben und Kratzer, Gewehreinschüsse und abgeplatzten oder ausgebrochenen Ecken der Bunkerwände und Fenster haben auch ramponiert noch ihren Reiz. Sie sind nicht geglättet worden, sondern zeugen vom harten Leben, das dieses Gebäude hinter sich hat. Da ist zum Zweiten und Entscheidenden aber der Aufbau, die Villa auf dem Bunkerdach. Sie sieht man natürlich nur von der anderen Straßenseite oder aus weiterer Entfernung. Dann aber wirkt die mächtige Betonplatte obenauf erstaunlich leicht und wie ein Flugdach; sie scheint nur von den Bäumen gestützt, deren Zweige über den Rand schwanken. Erst der genauere Blick zeigt die Glasscheiben und Metallvorhänge, auf denen die Platte jedoch mehr schwebt als sich aufstützt. Auch wenn diese Villa architekturkritisch betrachtet kaum etwas mit dem Barcelona Pavillon (1928) von Ludwig Mies van der Rohe gemein hat, lässt sie in ihrer Physiognomie sofort an diese Ikone der frühen Moderne denken. Insgesamt streckt sie den Baukörper des Bunkers – ins Versöhnliche; ja, so fiel, so kam das Wort. Denn natürlich darf man sich fragen, ob ein Bauwerk, das in den Tagen des Zweiten Weltkriegs zum Schutz vor Fliegerangriffen errichtet wurde – die Angaben zum ursprünglichen Fassungsvermögen schwanken zwischen 2.000 und 6.000 Seelen, die in den Bombennächten hier Unterschlupf fanden –, nicht als Memento der Grausamkeit, als Mahnmal gegen den Krieg unbehandelt und ungenutzt hätte stehen bleiben sollen, dem Verfall und der Natur überlassen. Aber das wäre Ruinenromantik. Und de facto wurde der Bunker sowohl zu Zeiten der DDR als Obstlager als auch nach dem Mauerfall für teilweise sinistre Events von Disco bis Sadomaso und Fetischparty genutzt.

Nun belehrt der Blick auf den grünen Naturkranz am oberen Abschluss sowie das fahle Spiegeln der Glasscheiben – sie halten jedenfalls diese Botschaft bereit –, dass hier die zivile Kultur und die demokratisch kultivierte Gesellschaft über die Barbarei des Krieges und der Tyrannei triumphiert haben. Paradoxerweise lässt der zusätzliche Aufbau auf dem Dach das gesamte Gebäude leichter, transparenter, weniger drückend und finster wirken als zuvor. Er versöhnt die schuldbeladene deutsche Vergangenheit mit ihrer aufgeräumten, befreiten Gegenwart.

Christian und Karen Boros, Kunstsammler und Inhaber einer Werbeagentur, kauften den Bunker 2002 und beauftragten die jungen Architekten Jens Casper und Petra Petersson (realarchitektur berlin) mit den Umbauarbeiten und Entwürfen für das Penthouse. Für die Architekten muss die Arbeit ein Freudenfest und Lustgewinn zugleich gewesen sein, ein Wühlen und Gestalten im härtesten Material. Bei der Errichtung des Bunkers 1941 wurde so genannter „Blauer Beton“ verwendet, der erst nach 30 Jahren vollständig ausgehärtet war! Der Bunker hatte ca. 120 Räume mit einer Höhe von 2,30 Metern – in etwa das Maß des Sozialen Wohnungsbaus. Bei der enormen Tiefe des Gebäudes mit dem Grundmaß von 38 Metern im Quadrat ahnt man die Finsternis und Bedrückung, die im Inneren geherrscht haben müssen. Hier durften die Architekten nun mit Diamantschneidern und Betonsägen, Presslufthämmern und -meißeln Licht, Luft und Transparenz hineinbringen. Es wurden Decken herausgesägt, Wände beseitigt, Durchbrüche gelegt, Blickbeziehungen hergestellt, Türen gesetzt. Casper und Petersson arbeiteten nach eigener Auskunft gleichsam experimentell und oft ohne Pläne, nach Intuition, mit Gespür und nach Maßgabe der Kunstwerke, die in der Sammlung Boros bereits vorhanden waren und zum Teil von den Künstlern eigens für die neu zu schaffenden Bunkerräume angefertigt wurden. Von den ursprünglich etwa 4.500 Quadratmetern Bunkerfläche wurde ein Drittel entfernt, so dass die Ausstellungsfläche jetzt etwa 3.000 Quadratmeter, aufgeteilt auf 80 Räume, beträgt: ein lichtes Labyrinth sonderbarer und beeindruckender Quer- und Vertikalbeziehungen. Manche Räume sind 13 Meter hoch, andere behielten das niedrige Maß, Brüstungen lassen Auf- und Abblicke entstehen, jede Etage offeriert einen Rundgang. Architekturhistorisch denkt man an Adolf Loos und seine Raumplan-Konzepte, nur dass im Kunstbunker natürlich keine feinen geglätteten und gespachtelten Oberflächen glänzen. Die Bauherren und Architekten achteten darauf, die Spuren der Bretterverschalung und des rohen Sichtbetons zu erhalten. Oft wurde nur geweißelt.

Und dann die Villa auf dem Dach. Sie ergibt sich organisch aus dem Kunstbunker und kontrastiert mit der Hermetik und Verschlossenheit des Sammlungsteils vor allem durch ihren fließenden Grundriss und den unbegrenzten Ausblick auf die Stadt. Unter der Betonplatte von 26 Metern im Quadrat entfalten sich auf ca. 400 Quadratmetern großzügige Räume, deren Atmosphäre durch die Lebendigkeit der sichtbaren Schalungsspuren auf den Betonflächen geprägt wird. Mit dem Muschelkalk des Bodenbelags zusammen erzeugen sie die kaum zu übertreffende Eleganz des Halblichts, in dem sich das Mobiliar zum Kunstobjekt wandelt. Und ringsum überdachte Veranden und ein japanisch angelegter Dachgarten, hinter dem die Lichter der Großstadt Berlin verheißungsvoll blinken. Die Villa auf dem Dach – sie ist privat. Der Kunstbunker aber kann, nach Anmeldung, besichtigt werden.