Axel Lapp: Sie sammeln jetzt schon sehr lange ...

Christian Boros: Ich sammle seit 18 Jahren, ja. Ich habe 1990 angefangen.

AL: Wie entdecken Sie neue Arbeiten? Wie entscheiden Sie? Sehen Sie Arbeiten und sagen dann impulsiv, das will ich haben, oder ist es eine ganz langsames Herantasten und Auswählen?

CB: Ich habe keine Interessen außer der Kunst. Neben meinem Beruf beschäftige ich mich nur damit. Schon seit Jahren, seit Jahrzehnten, verbringe ich fast die Hälfte meiner Zeit mit Kunst. Ich lese, ich schaue mir so viele Ausstellungen wie möglich an – Biennalen, Museen, Galerien. Ich habe eine unstillbare Gier nach Bildern. Erst gestern war ich in Hannover und hatte ein wenig Zeit, und da habe ich mich eben nicht ausgeruht oder ins Café gesetzt, sondern habe mir im Sprengel Museum Schwitters und Klee angeschaut. Diese Sucht nach Bildern ist kaum zu befriedigen. Und das ist nicht nur zielgerichtet auf Dinge, die ich für die Sammlung brauche, denn ich sammle ja keinen Klee und auch keinen Schwitters. Ich versuche Bildfolgen aufzunehmen, sie wie eine Datenbank zu speichern. Ich bin ein sehr visueller Mensch.

AL: Sie erwähnten gerade 'Sachen, die Sie für die Sammlung brauchen'. Hat die Sammlung also eine Form? Haben Sie die vor Augen und suchen dann nach einer bestimmten Arbeit oder einem Künstler?



CB:
Das ist gar nicht so strategisch. Ich bin zum Beispiel kein Mensch, der sich auf Medien kapriziert hat, der nur Malerei sammelt, nur Photographie oder nur Video, der sagt, da fehlt mir jetzt noch diese eine Position. Es ist eher so, dass ich mir ganz viel anschaue und dann ab und zu auf Dinge stoße, die mich befremden, und das interessiert mich dann. Ich versuche, dem nachzugehen, und mich mit diesem Unverständnis auseinander zu setzen. Ich kaufe ausschließlich Sachen, die neu entstanden sind. Ich käme nie auf die Idee, jetzt eine Position, die vor 15 Jahren aktuell war, zu vervollständigen oder etwas nachzukaufen, etwas Altes. Mir geht es immer um  die Auseinandersetzung mit der Gegenwart, mit der jetzigen Kunstproduktion. Alles andere schaue ich mir an, aber ich muss es nicht besitzen. Ich erkläre mir das so, dass für mich das Kaufen auch ein Versuch ist, die Gegenwart zu verstehen, mein Jetzt, mein Hier. Es ist ein langer Prozess, bevor ich überlege, ob ich noch eine weitere Künstlerposition brauche. Denn wenn ich sage, ja mich interessiert ein Künstler, dann reicht es mir nicht, ein single piece zu kaufen – und die Position auf der Liste abzuhaken –, sondern dann möchte ich auch in die Tiefe gehen, d.h. wenn ich schon ein Werk eines Künstler habe und ich sehe ein weiteres, dann überlege ich natürlich, ob ich diese Arbeit brauche, um etwas für mich abzurunden, um die Komplexität auch in der Sammlung wieder zu geben. Das Schwierigste ist, sich auf einen neuen Künstler einzulassen. Das ist dann wirklich ein mehrwöchiges Überlegen, was man auf Kunstmessen gar nicht mehr machen kann. Ich kann ja in Basel nicht sagen ‚Wow, das interessiert mich, lass mich mal zwei Wochen darüber nachdenken’, dann schauen die mich nur entgeistert an. Fünf Andere warten ja schon.



AL:
Man muß also schnell über die Messe gehen und sagen, ‚das, das und das’ ...



CB:
Das kann ich nicht. Deswegen bin ich ganz nerviger Kunde bei Galerien, weil ich einfach Zeit brauche. Früher konnte ich sagen, lass mich erstmal zwei Wochen überlegen, das war kein Problem, denn es gab niemanden der das gekauft hätte. Das ist natürlich heute verschärfter. Deswegen gehe ich eher auf Messen, um mich zu informieren oder um Leute zu treffen. Für mich ist es sehr schwierig geworden, dort auch etwas zu kaufen, aber das muss man ja auch nicht. Viele sind ja der Meinung, man könne nur auf Messen kaufen. Dabei gibt es ja immer noch wunderbar gemachte Galerieausstellungen und dergleichen.
Ich kaufe sehr langsam. Deshalb habe ich auch keine Probleme mit Fehlkäufen oder Kopfschmerzen nach Impulskäufen. Auch wenn manches nicht auf Zustimmung Anderer stößt, so weiß ich doch ganz genau, warum ich was gemacht habe.



AL:
Und verändert sich das mit der Zeit? Sagen sie nun nach 15 Jahren, das würde ich jetzt nicht mehr kaufen?



CB:
Es gibt zuweilen Positionen, die mich heute nicht mehr so sehr interessieren. Ich würde mich heute nicht mehr auf Damien Hirst einlassen, aber vor 15 Jahren war er für mich ein ganz, ganz wichtiger Künstler. Nur, dann jetzt zu sagen, dass mir das heute zu spektakulär und sensationell ist, heißt nicht, dass ich mich davon trennen muss. Diese Arbeiten sind Teil meiner Biographie geworden, und deshalb bleibt ihre Relevanz und Wichtigkeit für mich bestehen.



AL:
Wann haben Sie denn angefangen wirklich zu sammeln?



CB:
Ich kaufe Kunst schon wesentlich länger als 18 Jahre. Als ich 19 oder 20 war, habe ich die ersten Sachen gekauft, vom Geld, das ich nach dem Abitur für’s erste Auto bekommen hatte. Auch während des Studiums habe ich Kunst gekauft, aber das war kein Sammeln, sondern das war Kaufen für die Wohnung. Dann habe ich mich selbstständig gemacht, hatte in der Folge etwas mehr Geld zur Verfügung, und habe weiter Kunst gekauft: Aber irgendwann habe ich gemerkt das alles voll war, und habe den Schritt gemacht, der auch ganz befreiend wirkte. Es ging ja nun nicht mehr darum, ein vielleicht 1,20 m großes Bild noch irgendwo unterbringen zu müssen, denn wenn es zuhause nicht mehr passt, ist es ja völlig egal, ob das Bild 1,20 misst oder 5 m. Ich habe dann Skulpturen und Bilder gekauft, die riesig waren, nur um sie zu besitzen und habe sie dann eingelagert. Das hab ich sehr lange getan. Ich habe dann meine Frau (Karen Lohmann) kennen gelernt, die auch aus dem Bereich kommt und die das unterstützt hat. Sie hatte in Basel für eine Galerie gearbeitet, bei der ich dann Kunst gekauft habe, und ich habe mich in sie verliebt. Jetzt machen wir das sehr intensiv zusammen und alles wird gemeinsam besprochen und erörtert. Irgendwann haben wir gemerkt, dass da hunderte von Werken sind, die alle uns gehören und die alle eingelagert sind. Da haben wir überlegt, dass auch wir die Sachen wieder sehen mächten, sie mit Leuten teilen und dann haben wir uns in Berlin nach Räumen umgesehen.



AL:
Wieso Berlin?



CB:
Na, wir leben ganz beschaulich in der Provinz in Deutschland, in Wuppertal. Wir waren immer auch häufig in Berlin, weil hier die Kunst produziert wird, die wir kaufen – hier sind die Galerien, hier sind die Künstler. Einer der Gründe war das Gefühl, das müsse wieder hierher zurück. Andererseits ist das natürlich eine wahnsinnig schöne Plattform. Wenn jemand nach Berlin kommt sind alle Synapsen auf Empfang gestellt. Da sind neugierige Menschen, und es macht Spaß, mit neugierigen Menschen etwas zu teilen. An jedem längeren Wochenende sind alle Autobahnen und alle Züge verstopft und ganz Deutschland bewegt sich nach Berlin. Ich glaube, es gibt keinen mehr, der in Würzburg oder Schweinfurt Silvester feiert. Die ganze Republik ist dann in Berlin. Und das gilt ja auch international. Wenn jemand aus Amerika nach Deutschland kommt geht er nicht wie früher nach München zum Oktoberfest, sondern nach Berlin. Die Leute kommen her, sind neugierig, sind offen. Hier will ich die Sachen erörtert haben.



AL:
Genau darauf möchte ich gleich noch einmal zurückkommen. Es gibt ja eine ganz lange Tradition solche Häuser auch in der Provinz zu bauen, angefangen mit von der Heydt in Wuppertal, Henri Nannen in Emden, Urs Raussmüller in Schaffhausen, von Leuten, die ganz bewusst abseits der Metropolen bleiben. Es fahren ja auch viele gezielt nach Schaffhausen, um sich die Sammlung dort anzusehen.



CB:
Solche Erschwernisse wollte ich den Leuten gar nicht bereiten. Es geht mir auch gar nicht darum, ein privates Schatzkästchen im Ort zu verankern und daraus eine Pilgerstätte zu machen, so dass die Leute beschwerliche Wege auf sich nehmen müssen, um meine Sammlung zu sehen. Ich finde es viel zu eitel, so etwas zu verlangen. Ich will hier Teil des Geschehens sein. Ich bin ein urbaner Mensch, ich will mich nicht in die Provinz zurückziehen, eine Burg bauen und ab und zu wenn jemand kommt die Zugbrücke herunterlassen. Ich bin Teil des Geschehens, ich bin mit Künstlern befreundet: Wenn Olafur (Eliasson) in Berlin ist, dann kommt er mit seinen Kindern, mit seiner Frau einfach rüber, weil er da drüben arbeitet; Hier in der Nachbarschaft wohnt Thomas Scheibitz, der kommt mit seiner Frau, wir essen zu Abend und sehen etwas an.
Ich sammele zeitgenössisch und habe keine Expressionistensammlung, die in Emden sein kann, sondern ich bin Teil der Gegenwart, d.h. ich schätze eben auch die Spontaneität. All das, diese Qualität von Kommunikation, von Nachbarschaft, die hab ich nicht in der Provinz.



AL:
Sie nutzen diesen Ort also auch als privaten Raum ...



CB:
Es ist hauptsächlich ein privater Raum. Nur an zwei Tagen in der Woche ist es ein öffentlicher Raum und auch dann ist es nur halböffentlich. Ich unterscheide da sehr wohl. Ich habe am Samstag keine Besucher, sondern ich habe Gäste. Ich wünsche ihnen einen guten Tag, sie bekommen etwas zu trinken, sie können sich hier nicht nur Kunst ansehen, sondern sie sind Teil meiner Privatheit. Ihnen wird erklärt, was das hier für ein Gebäude ist, es wird ihnen über meine Frau und mich erzählt. Wenn ich rausgehe, bedanken sie sich bei mir. Das macht niemand in einem Museum, und niemand sagt danke, weil er Besucher war und hier ist er Gast. Das sind zwei Tage in der Woche und der Rest ist sowieso privat. Gleich gibt es Frühstück mit Paulina (Olowska) und das sind dann sechs, sieben Leute, und das schätze ich.



AL:
Im Moment machen in Berlin ja viele Privatsammlungen auf und man weiß nicht so recht, wozu die Räume eigentlich da sind. Zum Teil möchten Leute ihre Sammlung zeigen, zum Teil dienen sie aber auch der Repräsentation und persönlicher PR, was ist Ihre Intention?



CB:
Wenn man sich das mal wirklich vor Augen führt, waren hier in Berlin die Zweiten nach den Hoffmanns. Als wir uns vor sechs Jahren entschlossen, gab es hier noch nicht diese Sammlungspräsentationseuphorie. Wir haben ewig lange gebraucht und sind in einer Zeit fertig geworden, in der es anscheinend wöchentlich links und rechts passiert, was wir hier vor Jahren gestartet haben. Wir kamen hier nach Berlin, sind zu Erika Hoffman (Sammlung Hoffmann) gegangen, und haben Sie gefragt, wie sie das macht? Wir kannten sie aus Köln und fanden das toll. Wir haben es immer geschätzt, wenn wir in Berlin Gast bei ihr sein durften, und baten sie uns zu erklären, wie das geht? Wie machen wir das mit Feuerwehr, Fluchtwegen etc. Da gab es nur sie, keinen anderen.



AL:
Wenn man das jetzt so ansieht, das ist natürlich auch deutlich beeindruckender als einige der anderen Präsentationen – einfach auch, weil der Raum so phantastisch ist, weil die Arbeiten hier hineingepasst sind.



CB:
Gestern waren Leute da, die sagten, es sei ja Wahnsinn, dass ich so viele Künstler eingeladen hätte hier site-specific works zu machen. Dabei sind das ja alles alte Sachen die ich hab, und dass die hier so gut reinpassen liegt daran, dass ich mit den Künstlern befreundet bin und dass die das hier selbst installiert haben. Wenn jetzt also die Olafur (Eliasson)-Kugel so gut sitzt, dann liegt das daran, dass er sie selbst eingerichtet hat, und dann ist sie eben genauso wie sie sein muss oder Anselm (Reyle) hat hier Sachen installiert, hat z.B. für seine Bereiche das Licht verändert. Dass das alles so gut passt liegt eben auch an dem Vertrauen, an der Freundschaft, die ich mit den Künstlern teile, und die haben das hier selbst gemacht und verantwortet, was sie mir irgendwann einmal eingebrockt haben, indem sie mir die Sachen verkauften. Und der zweite Punkt ist, dass wir hier nur One-Man-Shows haben. Es gibt also pro Koje eine Künstlerposition und nicht irgendein kuratiertes Mischmasch.



AL:
Aber sie kuratieren auch.  



CB:
Ich kuratiere nicht, ich hoste. Das ist ein Riesenunterschied. Kuratieren würde ich, indem ich hier Spannungsbögen zwischen drei Künstlern zusammenbastle oder so etwas. Ich lade die Künstler ein und frage sie, wo sie die Sachen, die sie mir verkauft haben hier haben wollen? Ich bin also Gastgeber und nicht Kurator.



AL:
Diese Spannungsbögen ergeben sich aber auf jeden Fall. Wie haben Sie denn die Künstler ausgesucht, die jetzt Teil dieser Präsentation sind. Es ist ja die erste in einer Reihe und es soll ja einen jährlichen Wechsel geben, wenn ich das richtig verstanden habe.



CB:
Es gibt jetzt doch keinen jährlichen Wechsel, weil ich gemerkt habe, dass wenn ich die Präsentation nach einem Jahr abbaue, haben sie gerade mal 1000 Leute gesehen. Ich habe aber 400 Emails pro Tag von Leuten, die sie sehen möchten. Das wäre unverantwortlich. Es wird also doch etwas länger als ein Jahr sein. Aber auf die Frage, ‚Was sieht man hier?’ Man sieht einen kleinen Teil der Sammlung. Und zwar sind das Dinge, die sich mit dem Raum beschäftigen. Wir haben hier fünf Jahre umgebaut und wirklich Raum für Raum mit dem Raum gekämpft. Und deshalb haben wir Künstler eingeladen, die eben diese Räume bespielen, die mit diesen speziellen Räumen hier arbeiten, Künstler, die mit Licht arbeiten, weil es ist ja ein dunkler dark room ist. Ich freu mich darauf, irgendwann einmal eine Malereiausstellung zu machen, aber jetzt fände ich es ganz unpassend hier irgendwelche Tafelbilder aneinanderzureihen. Jetzt am Anfang ist es viel spannender überhaupt den Raum in den Griff zu kriegen.



AL:
Aber sie werden Tafelbilder zeigen?



CB:
Ja. Ich bin gespannt, wie es dann funktioniert. Das ist ja auch alles ein Probieren. Die Räume sind nun wahrlich nicht geschaffen worden, um Kunst zu beherbergen und ich weiß nicht, wie das aussieht, wenn hier Bilder hängen, aber ich werde es erfahren.



AL:
Dieser Bau ist ja auch etwas, das für die Ewigkeit angelegt ist. Man gibt das ja nicht in fünf Jahren auf und sagt ..



CB:
Das war’s.



AL:
‚Wir bauen uns jetzt was anderes.’ Haben sie langfristige Pläne?



CB:
Ich habe zwei Kinder. Ich habe hier anscheinend etwas gemacht, was von Dauer ist, was nicht einfach weg zu kriegen ist. Also per se bleibt das hier. Aber zum Glück weiß ich jetzt nicht, was mit der Sammlung geschieht. Wenn ich das wüsste, wäre das ja schon ein Endpunkt, an dem ich alles geordnet wüsste. Dann wäre dies ja fast ein Pharaonengrab und ich bräuchte nur noch von der Stadt das Bestattungsrecht. Ich träume hier nicht davon, dass das hier Erinnerungsstätte mit Grabbeigaben wird. Ich weiß nicht, was damit weiter geschieht. Das ist doch spannend, und hält mich weiter offen. Vielleicht bekommen ich Lust, mit der Sammlung etwas an einem ganz anderen Ort zu machen, die ja so groß ist, dass ich sie hier gar nie zusammenbekomme.

Ich glaube auch nicht, dass ich jetzt an einem Punkt bin, wo ich sage, das sind meine Künstler – oder die berühmten 15 Jahre, in denen man gute Kunst sammelt und danach Fehler macht und sich auf nichts Neues mehr einlassen kann. Ich will das noch ganz offen lassen. Dieses Nichtwissen, wohin die Reise geht, obgleich das hier alles schon so determiniert und fertig ausschaut, das ist eine große Bereicherung.



AL:
Man kann sich ja kaum vorstellen, den Raum noch einmal für irgend etwas anderes zu nutzen. Vielleicht könnten es wieder Lagerräume werden.



CB:
Nach mir wird es ein großer Kartoffelkeller.



AL:
Das ist wohl eher unwahrscheinlich. Der Ort ist ja permanent, man kann ihn ja nicht so einfach umbauen.



CB:
Man kann hier auch nichts mehr verändern. Jede Veränderung ist ja eine Mühsal. Mehr als das jetzt erlaubt auch das Denkmalschutzamt nicht. Das Gebäude wird bleiben, aber die Kunst, mein Gott, vielleicht ist ein Großteil davon irgendwann nicht mehr relevant. Ich weiß es nicht. Das interessiert mich aber auch nicht, weil ich das wirklich für jetzt mache. Ich habe jetzt die große Freude das zu teilen.