BASLER ZEITUNG 2013

Herr Boros, können Sie sich an Ihr erstes Sammelstück erinnern?

Lassen Sie mich andersrum beginnen. Grundsätzlich gibt es zwei Leidenschaften: Die Kaufleidenschaft und die Sammelleidenschaft.

Letztere entsteht aus der ersten?

Ja. Kaufen ist viel spontaner und hat andere Beweggründe. Zum Beispiel eine Ecke im Wohnzimmer oder eine freie Fläche an der Wand, die man mit Kunst «bespielen» will. Oder aber man erwirbt ein Kunstwerk, das einem gefällt. Sammeln hingegen hat mehr mit Leidenschaft und Kopfarbeit zu tun, ist wesentlich systematischer. Um nun Ihre Frage zu beantworten: Das erste Kunstwerk gekauft habe ich mit 18 Jahren. Mit Sammeln begonnen habe ich erst zwei Jahre später.

Was also war das erste von Ihnen erworbene Kunstwerk?

Das war ein «Multiple» von Joseph Beuys. Das wollte ich unbedingt haben. Es war ein Akt des Kaufens und nicht des Sammelns.

Verspürten Sie nicht einmal eine leise Ahnung, dereinst zum Sammler werden zu wollen?

Nein. Es ging mir damals darum, ein Kunstwerk zu kaufen und damit die Eltern zu ärgern und zu polarisieren. Sammeln ist mit Ordnung und in meinem Fall mit einer Idee und einer Strategie verbunden.

Also markierte auch das zweite Kunstwerk, das Sie kauften, noch nicht den Beginn Ihrer Sammlertätigkeit?

Nein, zuerst gab es einfach eine Ansammlung von Käufen.

Wann genau setzte das Sammeln ein?

Als die Wohnung voll von Kunst war und ich mich fragte: Soll ich weitermachen? Eine Notwendigkeit dafür bestand ja nicht.

Aber eine innere Notwendigkeit.

Ja, geradezu einen Zwang weiterzumachen. Man gibt Geld aus für ein Werk, das man zunächst aus Platzmangel nicht einmal auspacken kann und für dessen Präsentation man schon gar nicht einen Ort zur Verfügung hat. So beginnt der Akt des Sammelns.

Warum sammeln Sie eigentlich Kunst und nicht beispielsweise Briefmarken, alte Autos oder Uhren?

Ich habe einen riesengrossen Respekt vor der Meinung andere Menschen. Ein Kunstwerk steckt, anders als ein altes Auto oder eine Uhr, voll von Autorenschaft. Es ist eine visuelle Mitteilung. Mich interessieren diese Botschaften – daraus lerne ich, darüber freue ich mich.

Kennen Sie die Schöpfer der von Ihnen erworbenen Werke persönlich?

Ja, alle.

Ist das eine zwingende Voraussetzung?

Ja, für mich schon. Genau deshalb sammle ich aktuelle zeitgenössische Kunst: Ich möchte die Menschen, die mir durch ihre Kunst eine Mitteilung senden, kennenlernen und sie auch mögen. Wenn ich einen Künstler nicht mag, interessiert mich seine Meinung viel weniger. Wie könnte ich heute wissen, ob Dürer oder Warhol nette Kerle waren und ich sie gemocht hätte?

Folgt Ihre Sammlertätigkeit einem logischen Prinzip? Achten Sie auf Kontinuität oder Integralität ?

Nach dem affirmativen Prinzip zu sammeln, also nach Kriterien des Bereits-Kennens und des Vervollständigens, fände ich so uninteressant wie Briefmarkensammeln. Was mich hingegen fesselt und bereichert, ist das Betreten von Neuland, auch wenn ich dabei meine eigene Beschränktheit erkennen muss oder grosse Wagnisse eingehe. Das ist der Lernmodus, der mich beim Sammeln interessiert.

Kommt der Kontakt zu den Künstlern zuerst über ein Kunstwerk zustande oder über die persönliche Begegnung?

Es ist eine Kombination von beidem. Meist aber lerne ich die Künstler bei einer Ausstellungseröffnung kennen.

Gelten Sie eigentlich als «schwieriger» Sammler mit Ecken und Kanten?

Jeder richtige Sammler ist schwierig, jeder ist verzickt, jeder ist eigenwillig. Wichtig ist nur, dass man der Kunst und den Künstlern mit Respekt begegnet.

Haben Sie beim Erwerb eines Kunstwerks immer Ihren Bunker und seine sehr speziellen Räume vor Augen?

Nein. Der Bunker hat einen grossen Nachteil: seine kleinen Eingangstüren. Wenn ich Kunstwerke sammeln müsste, die nicht mehr als 2,2 Meter in der Diagonale messen, würde mich das sehr einschränken und ich würde letztlich nur den Bunker dekorieren. Kürzlich habe ich eine sieben Meter grosse Skulptur von Olafur Eliasson gekauft – wissend, dass sie nie in den Bunker kommen wird.

Wo steht diese Skulptur jetzt?

Im Lager – auf den nächsten Bunker mit grösseren Türen wartend… (lacht)

Ist es nicht auf Dauer frustrierend, ein Kunstwerk nur für die Lagerhalle zu erwerben?

Es reicht mir, wenn ich das Werk und seine Botschaft verinnerlichen kann. Oder zumindest reicht mir dies als Kaufimpuls.

Sie müssen es sich also auch nicht täglich anschauen gehen?

Nein, ich habe es vor meinem geistigen Auge und könnte es jederzeit auch verleihen. Und vielleicht gibt es ja einmal einen geeigneten Raum dafür.

Wie viele Kunstwerke besitzen Sie?

Rund 700.

Haben Sie ein jährliches Budget für Ankäufe festgelegt?

Die finanzielle Schmerzgrenze ist mein Budget. Als Unternehmer liegt diese Schmerzgrenze bei mir je nach Geschäftsverlauf mal höher und mal tiefer. 

Sie sammeln Werke ab 1990. Warum eigentlich? Hat das mit der damaligen Zeitenwende in Deutschland zu tun?

Nein, das war meine persönliche Zeitenwende. Damals machte ich mich selbstständig und hatte durch meine Firma das Kapital, um Kunst zu kaufen. Übrigens fliesst ein grosser Teil meiner geschäftlichen Gewinne in die Kunst.

Sie sammeln Kunstwerke verschiedenster Erscheinungsformen und Medien. Fasziniert Sie ein Kunstform mehr als andere?

Nein, es gibt nur ein Kriterium: Die Kunst muss jetzt – also in der Gegenwart – entstanden sein. Ich würde heute nie ein Werk von 1990 kaufen, um eine Sammlungslücke zu schliessen. Mich interessiert es vielmehr, meine Jetzt-Zeit zu verstehen.

In Ihrer Sammlung widerspiegelt sich also Ihr Leben seit 1990.

Meine Sammlung ist Teil meiner Biografie. Mich haben in den neunziger Jahren andere Dinge interessiert als heute.

Hinterfragen Sie hie und da einige Ihrer Ankäufe rückblickend?

Ja, aber das ist eben Teil meiner eigenen Biografie. Ich glaube nicht, dass ich heute noch Brit-Art kaufen würde. Die Vergewaltigungs-Traumata von Tracy Enim interessieren mich heute nicht mehr so wie damals. Ich bevorzuge heute die leiseren Töne.

Aber die Kunstwerke behalten ihren Wert, haben Bestand.

Ja, sowohl als Teil meiner eigenen Biografie als auch generell im Spiegel der Kunst neunziger Jahre.

Orientieren Sie sich bei Ihren Käufen am Bekanntheitsgrad der Künstler oder im Gegenteil daran, wie unbekannt er ist?

Weder noch. Nur an der Kraft des Werkes.

Sie scheuen sich auch nicht vor grossen Namen.

Nein, aber deren Werke kann ich mir natürlich nicht so häufig kaufen.

Es geht Ihnen aber auch nicht um jeden Preis darum, jemanden zu entdecken.

Nein. Denn Sammeln ist keine Leistungsshow, bei der es darum geht, als erster etwas zu entdecken. Wenn es klappt, freut es mich natürlich. Aber es gibt auch Künstler, bei denen ich anfänglich skeptisch war und deren Weg ich über Jahre verfolgen musste, um zu einem Enscheid zu kommen. Das ist aber nicht schlimm – es ist im Gegenteil ein lehrreicher Prozess.

Pflegen Sie den Kontakt zu anderen Sammlern?

Sehr intensiv sogar. Wir sind ja keine eigentlichen Konkurrenten sondern «Mittäter» und Spielgefährten bei einem gesunden Ringen um gute Arbeiten. Ich habe beim Betrachten von Sammlungen anderer nie Neid empfunden, sondern höchstens eine Motivation verspürt, meine Haltung noch weiter zu radikalisieren und zu verfeinern.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingskünstler?

Es gibt drei Künstler, die ich sehr früh schon begleiten drufte und die immer noch aktuell sind: Elisabeth Peyton, Wolfgang Tillmanns und Olafur Eliasson. Von allen drei habe ich jeweils über 40 Arbeiten – und ich bekomme nicht genug davon. 

Warum nicht?

Wegen der Komplexität ihrer Werke, deren Wirkung auf mich nicht nachlässt.

Wie hat sich der Kunstmarkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus Ihrer Sicht entwickelt?

Er ist verrückt geworden. Heute gibt es mehr Akteure als gute Arbeiten, deshalb steigen die Preise. Als ich erstmals ein Werk von Elisabeth Peyton kaufte, war ich der einzige. Heute gibt es dafür jeweils 50 Interessenten. 

Spiegelt sich die jeweilige Wirtschaftslage wirklich in der Kunst, beziehungsweise im Kunstmarkt, wie man sagt?

In guten Zeiten läuft das Geschäft mit der Kunst gut, in schlechten Zeiten ist sie wie eine Fluchtwährung. Der Kunstmarkt funktioniert also jederzeit.

Gibt Ihnen die Kunst Halt im hektischen Leben als Werber?

Als Werber bin ich Trendjäger, das will ich als Sammler nicht sein – trendige Kunst ist nichts für mich. Da tobe ich mich lieber in der Kleidermode aus.

Ein junger Mensch, der mit Sammeln beginnen will, fragt Sie um Rat. Was geben Sie ihm mit?

Kauf die Dinge, die Dir nicht gefallen.

Quelle: BASLER ZEITUNG 2013