BOLERO: Sie sammeln seit 1990 zeitgenössische Kunst. Wie kam es dazu?

BOROS: Ich habe zwar 1990 mein erstes Werk gekauft, aber das macht noch keine Sammlung aus. Eine Sammlung hat man erst, wenn man so viele Arbeiten besitzt, dass man sie bei sich zu Hause nicht mehr aufhängen kann. Alles davor nenne ich eher ambitionierte Raumgestaltung. Das ist bestimmt etwas Schönes und allemal besser, als sein Geld zu versaufen - aber es ist nicht Sammeln.

BOLERO: Welches war das erste Werk, das Sie kauften?

BOROS: Ich hatte das Glück, dass der Künstler, dessen Werk mich so faszinierte, dass ich zum ersten Mal Kunst kaufte, Damien Hirst war. Im Rückblick bin ich wahnsinnig froh, dass ich mir nicht in einer Wald- und Wiesengalerie irgendein Bild gekauft habe, sondern von Hirst magnetisiert wurde, der zum Weltstar avancierte. Heute interessiert mich sein Schaffen nicht mehr, das hat vielleicht auch mit seiner kometenhaften Karriere zu tun. Dennoch ist es eine schöne Sache, was aus ihm geworden ist.

BOLERO: Wie kam es vom Ankauf der ersten Kunstwerke zur richtigen Sammlung?

BOROS: Für mich war in dieser Beziehung der Dialog mit anderen Menschen wichtig. Die Kommunikation im sozialen Kontext hat mich in meiner Sammeltätigkeit angetrieben. Ich hörte immer wieder „Warum tust du das?“ - Auch solche Hinterfragung waren wichtig, sie liessen mich spüren, dass es relevant ist, was ich mache. Durch Auseinandersetzungen positiver und negativer Art habe Feuer gefangen und das hat mich angetrieben, immer weiter zu machen. Für mich persönlich ist vor allem der Austausch mit meiner Partnerin und mit Freunden wichtig. Im Grunde ist bereits das Hängen eines neuen Werkes eine mini-kuratorische Leistung, die zur Diskussion anregt – schon der erste Nagel, den ich in die Wand schlage, um ein Werk zu hängen, ist eine Aufforderung zum Dialog.

BOLERO: Doch wie kam es zu dieser Form von Sucht, die von der „ambitionierten Raumgestaltung“ wegführt und eine grosse Sammlung ermöglicht?

BOROS: Meiner Meinung nach kann die wahre Sammelleidenschaft sich erst entfalten, wenn man ganz befreit ist von der Frage, wie viel Platz es in der Wohnung noch hat. Wenn es egal ist, ob man eine kleinformatige Malerei oder eine Riesenskulptur kauft, weil die räumlichen Dimensionen keine Rolle mehr spielen. Ist dies der Fall, entfallen viele Einschränkungen und die virtuelle Vorstellung wird wichtig. Bei mir hat der Schritt, ein Lager zu kaufen, den Ausschlag gegeben. Von da an hat die richtige Sucht angefangen. Plötzlich war ich masslos, kaufte zum Beispiel eine Arbeit von Olafur Eliasson die einen 10 Meter hohen Raum erfordert. Das war zu Beginn der 1990-er Jahre. In dieser Zeit war für mich vollkommen klar, ich werde all das Zeug nie mehr sehen. Das war mir damals egal, es stand nicht im Vordergrund. Dass ich jetzt Gelegenheit dazu habe, meine Sammlung öffentlich zu zeigen, ist ein Wahnsinnsglück, an das ich nie zu glauben wagte. Die Werke waren im Lager und abgeschrieben. Ich kaufte mir damals einen Gabelstapler, um Herr über all die Kisten zu werden, in denen die Kunst verstaut war.

BOLERO: Wie kam es zum Kauf des Bunkers, der Ihre Sammlung heute beherbergt?

BOROS: Irgendwann hatte ich doch plötzlich das Gefühl, dass meine Art der Anhäufung nicht richtig ist. Kaufen macht Freude, mit Galeristen und Künstlern zu sprechen, all das bedeutet wahnsinnig viel Spass, es ist ein Akt des Eroberns. Das ist für Sammler wichtig. Aber Besitz ist auch Verantwortung, Künstler haben ihre Werke nicht dafür gemacht, dass sie in Kisten schlummern. Diese Einsicht hat dazu geführt, dass ich Lust bekam, meine Sammlung öffentlich zu machen. Dabei war stets klar: Wenn ich das in Deutschland mache, dann kommt nur Berlin mit seinem Status als internationale Plattform in Frage. Ich begann mit dem Suchen von geeigneten Räumen, dachte zuerst daran, vielleicht eine Wohnung zu mieten. Dann habe ich von einem Bekannten gehört, dass ein Bunker zum Verkauf steht. Aus reiner Neugierde schaute ich ihn mir an. Für mich war klar, ich kauf das Scheissding nicht. Ich will nur um eine Erfahrung reicher werden und ein bisschen Bunkerschauen. Doch dann hatte ich plötzlich nicht eine Erfahrung mehr, sondern einen Bunker. Meine Partnerin und ich haben uns nämlich Hals über Kopf in das Ding verliebt. Dabei erwies sich diese Liaison keineswegs als einfach: Der Umbau war gigantisch, dauerte 5 Jahre und kostete Unmengen von Geld und Nerven. Wir mussten das ursprüngliche Labyrinth aus 120 Räumen erstmal aufbrechen, was bei einem Bunker bekanntlich schwierig ist.

BOLERO: Als Sie den Bunker xxxx eröffneten, gab es mitunter auch kritische Stimmen. Ist der Bunker heute noch kontrovers?

BOROS: Ein Bunker per se kontrovers. Jeder weiss: Dieses Gebäude wurde für den Krieg gebaut, das ist kein leichtes Erbe. Doch alle, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, sagten dasselbe. Nämlich dass ich das Beste daraus gemacht habe. Man hätte den Bunker auch nicht anfassen und damit das Problem umgehen können. Ich habe mit Vertretern der internationalen jüdischen Gemeinde gesprochen und mit den ehemaligen Zwangsarbeitern, die am Bau des Bunkers beteiligt waren. Sie alle sind sehr froh, dass kein Idiot diesen Ort übernommen und daraus eine Eventhalle gemacht hat, sondern dass der Bunker heute eine Stätte für das höchste Gut ist: für geistige Freiheit.

BOLERO: Was bedeutet Kunst für Sie?

BOROS: Kunst ist mehr als bloss eine bemalte Leinwand, es ist eine Kraftzelle. Sie gibt mir Energie, Dinge zu tun, die ich tun muss. In meinem Beruf und in meinem Privatleben. Künstler sind grosse Vorbilder indem sie jeden Tag das tun, was sie tun müssen. Es gibt niemanden, der ihnen sagt, welche Aufgaben sie erfüllen sollen, alles kommt aus einer inneren Energie. Auch bei mir ist es so, ich bin kein Angestellter, sondern Unternehmer, muss also wortwörtlich ständig etwas unternehmen. Künstler, welche die Autoren ihrer Werke und Menschen mit grösster Eigenverantwortung sind, sind in diesem Sinne Vorbilder für mich. Ihre Arbeiten zu betrachten, gibt mir sehr viel Energie. Zudem ist es eine alte Unternehmertradition, Kunst zu sammeln. Zu allen Zeiten waren Sammler sehr oft Unternehmer oder allgemein Menschen, die sehr selbstbestimmt leben.

BOLERO: Selbstbestimmung ist bei Ihnen ein grosses Thema?

BOROS: Es ist eines der wichtigsten Themen meines Lebens. Ich möchte möglichst den Grad an Fremdbestimmung in allen Bereichen niedrig halten und mein Los selbst steuern. Vielleicht kam ich dadurch auch zum Sammeln. Ich stamme nämlich aus einer Familie mit Null Affinität zur Kunst, ich habe mir alles selbst angeeignet.

BOLERO: Wo kaufen Sie Kunst?

BOROS: Ich mag den Druck nicht, der an Messen herrscht, deshalb kaufe ich in Galerien. Ich muss Zeit haben, in mich hineinzuhorchen ob mich etwas ernsthaft und nachhaltig interessiert. Zum Glück ist in den Berliner Galerien fast jeder internationale Künstler vertreten – daher liebe ich die Berliner Galerien! Ich kaufe aber auch im Ausland, zum Beispiel in New York. Ein weiterer Punkt, der für Galerien spricht, ist dass eine kuratierte Ausstellung natürlich viel interessanter ist, als eine Besenkammer auf einer Messe.

BOLERO: Was ist für Sie gute Kunst?

BOROS: Diejenige, die es schafft, mich zu irritieren, eine innere Grenze zu verschieben. Wenn ich siebenhundert Arbeiten hab, brauch ich keine siebenhunderterste, die bestätigt, was ich schon weiss. Ich suche nach Dingen, die mich weiterbringen. Zum Beispiel indem sie mich ärgern, provozieren oder mit meine Limitiertheit vor Augen führen.

BOLERO: Sagt die Sammlung etwas über den Besitzer aus?

BOROS: Unbedingt. Die Sammlung ist die ausgezogene Unterhose eines Sammlers. Was das bei mir bedeutet, darf ich natürlich nicht sagen. Das muss jeder selbst herausfinden. Bestimmt gibt es darin verschiedene Facetten zu erkennen, es ist keine eindeutige, glatte Sammlung. Aber ich denke, es lässt sich kann herauslesen, was ich mag, was ich von Beruf bin und so weiter.

BOLERO: Wie gehen Ihre Kinder mit so viel Kunst um?

BOROS: Für die ist das ganz normal. Meine beiden Söhne sind mit Kunst aufgewachsen und sprechen höchstens darüber, wenn ich, statt ihnen ein Kinderbuch vorzulesen, in einem Ausstellungskatalog blättere. Sie sind aber auch involviert: Mein Sohn Anton macht Kinderführungen im Bunker.

BOLERO: Sollte jede gute Kunstsammlung öffentlich sein?

BOROS: Das schöne an Privatsammlungen ist, dass jeder es so handhaben kann, wie er will. Es ist nicht jedermanns Sache sein Wohnzimmer so zu öffnen, wie ich das tue und ich kann es gut verstehen, wenn jemand das nicht macht. Das Gute ist, dass irgendwann ohnehin alles im Museum landet, wenn der Sammler stirbt. So kitschig sich das anhört, aber Kunst ist immer nur geliehen: Man kann sie nicht essen und man kann sie nicht ins Grab nehmen.

BOLERO: Wo steht die Sammlung Boros in 50 Jahren?

BOROS: Das wirklich Spannende ist, dass ich das jetzt nicht weiss. Wenn ich es wüsste, wäre es ja abgeschlossen.