CHRISTIAN BOROS LIEBT EIN MONSTER

Christian Boros liebt ein Monster Eines mit 160 Räumen, aber keinen Fenstern, mit vier separaten Treppenhäusern, aber einer Deckenhöhe von durchschnittlich 2 Metern 40, mit meterdicken Betonwänden aber keinem Vorgarten.Der Bunker an der Reinhardtstraße in Berlin-Mitte ist genau das, was der Chef einer florienden Werbeagentur lange suchte, *ein idealer Ort für meine Sammlung. "Boros ist stolzer Besitzer von 400 zeitgenössischen Kunstwerken. Für die lässt er den Bunker als neue Heimstatt herrichten. Die Liebe zu dem Monster begann vor drei Jahren. Damals erzählten ihm Freunde, dass der Bunker verkauft werden solle. Boros zögerte nicht lange. Er beschloss: Den will ich haben.

Noch heute erinnert er sich an das unverständliche Lächeln des Notars, als er den Kaufvertrag unterschrieb. Und Sätze wie diesen hört er jetzt täglich: *Ich habe mich immer gefragt, wer so verrückt ist und in einen Bunker zieht", sagt der Mittfünfziger, der ihn auf der Straße anspricht,*jetzt weiß ich es." Boros schmunzelt zufrieden. Er mag es, in Gesichter voller Erstaunen, Unverständnis oder Respekt zu schauen, wenn er von seinem Bunker-Projekt berichtet.

Es sind diese drei Reaktionen, die ihn jetzt begleiten. In dieser Reihenfolge. Erstaunen, dass sich überhaupt jemand für den Bau aus dem Jahr 1943 interessiert. Unverständnis, wenn er erzählt, dass der Bunker auch künftig ein Bunker bleiben wird, also keine schöne Fassade bekommt. Und Respekt gibt es von den Fachleuten vom Bau, die wissen, welches Wagnis er mit dem Projekt eingeht. Denn die Baukosten sind nur sehr schwer kalkulierbar. *Ein freier Flug", sagt Boros selbst. Über Geld will er nicht reden.

Dabei ist Geld für ihn wichtig. Er setzt es ein, um damit andere zu überraschen. Allerdings nicht so, wie das gemeinhin bekannt ist, mit einem luxuriösen Überraschungsgeschenk für die Teuerste zu Hause. Sondern auf seine eigene Art. Das Geld, das ihm seine Eltern zum Abitur schenkten, steckte er nicht in eine Reise oder ein Auto. Er kaufte Kunst. Das hat alle überrascht.

Jetzt überrascht er mit seinen Bunker-Plänen. In einem Jahr soll seine Kunst hier einziehen. Die Künstler, deren Werke er hier zeigen will, sollen mit entscheiden, welches Stück in welchen Raum kommt. Und wie der Raum dann aussehen soll. Noch sind sie allesamt karg und kalt. *Das wird im Wesentlichen auch so bleiben", sagt der Sammler. Denn für diese Kunst suchte er eine Bühne * dazu hat er Berlin auserkoren * aber keine Event-Location. Er suchte *einen Ort der Stille." Und den hat er gefunden. Von der Welt da draußen ist hier drinnen nichts zu hören. Auch Mobiltelefone geben kraft der dicken Wände keinen Ton von sich. So soll es auch bleiben. Einen Shop oder ein Café wird man vergebens suchen, wenn das Haus in einem Jahr fertig sein wird. *Ich will Kunst nicht anbieten, man wird sie sich erarbeiten müssen."

Es ist Kunst, die er selber nicht versteht. *Ich habe immer nur solche Sachen gekauft, Sachen, die mich provozieren", sagt er. Das Interesse dafür ist durch sein Studium in Wuppertal bei Ästetikprofessor Bazon Brock entstanden. Ihn interessiert ausschließlich Kunst der Jetzt-Zeit. Er kauft nicht auf Auktionen, er geht selber in Galerien oder Ateliers, wählt aus, greift zu. Heute besteht die Sammlung aus Werken von Damien Hirst, Olafur Eliasson, Wolfgang Tillmanns und Sarah Lucas.

Bis ihre Arbeiten hier einziehen, muss noch einiges eingebaut werden. Zum Beipiel Heizkörper. Derzeit bohren zwei Bauarbeiter mühsam Kanäle in die Wände, um Wasserleitungen und Stromkabel zu verlegen. Ein ungeheuerer Aufwand. Mit Diamant-Schneidern, die sonst verwandt werden, um Betonungeheuer abzureißen, dringen sie in den 62 Jahre alten Stahlbeton ein. *Gutes Material", sagt einer von ihnen, halb anerkennend, halb verzweifelnd. Niemand kann sagen, wie dick die Wände wirklich sind. Immer wieder stoßen die Arbeiter auf neue Probleme. Und trotzdem will Boros weitermachen. *Das ist ein Projekt, das man nur mit dem Bauch machen kann", sagt er. *Mein Verstand und meine Bank sagen: Tu's nicht. Aber der Bauch will unbedingt."

Er will unbedingt, weil Boros die Geschichte des Bunkers fasziniert. Dietmar Arnold vom Verein Berliner Unterwelten hat recherchiert und alte Bauakten wieder aufgefunden, die längst als verloren galten. In seinem neuen Buch *Sirenen und gepackte Koffer", erschienen im Links-Verlag, schreibt er, dass nicht Albert Speer, Hitlers Architekt für Germania, sondern Karl Bonatz den Bunker entworfen hat. Konzipiert als Schutzbau für den nahen Bahnhof Friedrichstraße nahm er auf fünf Etagen bis zu 4500 Personen auf. Äußerlich sollte er gut ins Stadtbild passen und nach dem Krieg verziert werden. So der Plan. *Der Bunker hat Tausenden das Leben gerettet", sagt Boros. Der neue Hausherr überlegt noch, in welcher Form er an die Geschichte erinnern will. Eine Gedenktafel allein genügt ihm nicht.

Der Bunker in der Reinhardtstraße ist der Bunker. Die Berliner nennen ihn auch so. Bunker. Nicht so wie den viel größeren in Wedding, den nennen sie Humboldthain-Bunker. Boros' Bunker ist auch deshalb der Bunker, weil er in den Neunzigern das Zentrum der Techno-Szene war. Wilde Partys haben hier stattgefunden, mit Marusha als aufkommender Star-DJane. Später mit härteren Sounds, Gabba, oder als reine Fetisch-Abende. Schwule verabredeten sich zu den ersten Snax-Club-Sex-Partys, das Nachwende-Berlin hat sich im Bunker ausprobiert, hat hier die Love Parade groß gemacht und sich von ihrem Kommerz distanziert. Bis heute ist der Bunker Ausgangspunkt der Fuck Parade, der Gegenveranstaltung zur Love Parade, die gegen die Schließung des Party-Bunkers protestiert. Das ist allerdings schon fast zehn Jahre her. Die Behörden hatten festgestellt, dass der Bunker nicht den Anforderungen einer Vergnügungsstätte genügte: keine Klos, keine Notausgänge...

*Partys wird es hier nicht mehr geben", sagt Christian Boros, während er, den *Rauchen-verboten"-Schriftzug an der Wand ignorierend, sich eine Zigarrette ansteckt. Überhaupt wird die Öffentlichkeit in seinen Kunstbunker nur nach Anmeldung und in geführten Kleingruppen hereingelassen werden. Denn auch für die Kunst gilt das Problem mit den Notausgängen. Diese nachträglich einzubauen, ist fast unmöglich. Zu verschachtelt ist der Bau, zu dick die Wände. Am Dach misst der Beton dreieinhalb Meter. *Da sind Bomben direkt draufgefallen", sagt Boros, "und nichts ist passiert." Es gibt aber noch einen Grund, weshalb große Veränderungen am Bunker nicht drin sind: Er steht unter Denkmalschutz.

Als Zeugnis des Hitlerschen Angriffskrieges bewertet, soll der Bunker das bleiben, was er ist. Boros findet das gut, mehr noch, er findet den Bunker schön, so, wie er ist, *denn er ist wahrhaftig und authentisch." Hier und da lässt er eine Decke herausnehmen, sodass im Innern hohe, dunkle Räume entstehen. *Toll", sagt er, schaut nach oben, in die totale Dunkelheit, und vor seinem Mund bildet sich vor Kälte Nebel.

Das große Loch für den Aufzug haben die Arbeiter schon hineingestemmt. Bis aufs 1000 Quadratmeter große Dach wird er fahren, zu seinem Penthouse, das oben als Neubau entsteht. Bislang stehen davon nur einige Wände. Aus Beton, versteht sich: *Das wird eine reine Parkhausästhetik hier oben", sagt Boros, während er auf einer wackeligen Leiter nach oben kraxelt, *ich kann hier schließlich kein Landhaus draufstellen." So konsequent zu sein und es auch zu bleiben, das haben ihm die Architekten schmackhaft gemacht. Der Bunker ist für das Büro *realarchitekten" der erste große Auftrag. *Die haben vorher nichts gebaut", sagt Boros, sein Vertrauen in die junge Truppe ist dennoch unerschütterlich. *Wir haben zusammen gesessen, getrunken, und ich habe ihnen in die Augen geschaut. Da wusste ich, die schaffen das."

Schafft er das auch? Der Bunker ist ein harter Brocken.
*Ich weiß es nicht", sagt Christian Boros auf dem Dach, den Blick aufs Deutsche Theater gerichtet. Da erinnert er sich an sein Gespräch mit der zuständigen Baustadträtin von Mitte. Dorothee Dubrau, begeistert von den Plänen, übergab ihm die Baugenehmigung und wünschte viel Glück. *Danke", hat er gesagt, *kann ich gebrauchen."