"KUNST IST KEIN URLAUB" EIN WERK MUSS IHN ÄRGERN, BEVOR ER ES KAUFT: CHRISTIAN BOROS SAMMELT ZEITGENÖSSISCHES.

Eltern sind schrecklich wohlmeinend. Besonders, wenn es um die Zukunft der Kinder geht. Wir kennen das alle. Warum sollte es Christian Boros anders ergangen sein? „Was Vernünftiges“ sollte der Junge werden. Arzt zum Beispiel. Oder Anwalt. Doch der Filius studierte weder Jura noch Medizin, sondern Ästhetik bei Bazon Brock in Wuppertal. Und statt für ein Auto zu sparen, gab der 18-Jährige sein Taschengeld für eine „Intuitionskiste“ aus – ein frühes Multiple von Joseph Beuys. Mutter und Vater schüttelten den Kopf. War das nicht dieser Scharlatan? So probte der Sohn den Aufstand gegen die Erwartungshaltung daheim.

Inzwischen ist Christian Boros doppelt so alt wie damals und besitzt mehr als 100 Arbeiten von jungen zeitgenössischen Künstlern (darunter einige der „Sensation“ – lüsternen Briten). Als selbstständiger Kopf einer expandierenden Werbeagentur kann er sich seine (finanziell durchaus riskante) Passion ganz entspannt leisten. Spontan und intuitiv seien seine Kunstkäufe, gesteht er. Da erübrigt sich die Frage nach einem festen Budget. Die Kinderzimmer – Revolte, sie setzt sich bis heute fort: als trotzige Neugier. „Wenn andere behaupten, eine Sache tauge nichts, dann fange ich an, mich dafür zu interessieren.“

Offenbar mit Erfolg. Vor einem halben Jahr hat Boros zwei riesige Büroetagen in der Wuppertaler City angemietet. Und was für Hallen! Karg, aber nobel. Ausladend, aber von Minimalismus durchdrungen. Die 40 dynamischen MitarbeiterInnen: young, aber professional. Hier herrscht die Maxime: Immer in Alternativen denken! Eigene Lösungen finden, statt bekannte Rezepte abzukupfern! Das hat Boros bei seinem Professor und von den Künstlern gelernt. Es geht darum, „Konventionen infrage zu stellen, auf der eigenen Subjektivität zu beharren“.

Derlei Ansprüche sind Teil seines Jobs. Denn seine Firma ist vor allem in den Neuen Märkten tätig, entwickelt Kampagnen und Spots für Internet-Unternehmen, den Fernsehsender Viva oder die innovativen Abteilungen von Old – Economy – Stars wie Coca Cola, General Electrics, Siemens: „Die buchen bei uns eine Frischzellenkur.“

Kein Zweifel, Boros ist dem Zeitgeist dicht auf den Fersen, oder, noch lieber, ein Stückchen voraus. Und er weiß um die Macht der Bilder, die „unglaubliche Emotionen freisetzen können“. Verführen sie doch beispielsweise zum Rauchen oder dazu, „braunes Zuckerwasser zu trinken“. Auch die Kunst verführt, aber ja!

Freilich nicht mehr durch Schönheit. Was ist schön, was ist hässlich? Darüber nachzudenken hält Christian Boros für ebenso kindisch wie kitschig. Werte wie Schönheit, Vollkommenheit, winkt er ab, würden doch längst von anderen Disziplinen bedient – „vom Design zum Beispiel“. Kunst als ästhetische Oase, als Gegenwelt zum Alltag: „Das zelebrieren vielleicht noch ein paar Zahnärzte in ihrer Praxis.“ Kurzum, „Kunst ist kein Urlaub“, verkündet der charmante Querkopf pointiert. Mehr noch, ein Werk muss ihn ärgern, bevor er es kauft – eine Schmerzgrenze kennt er dabei nicht.

Als Heilmittel überm Sofa eignen sich seine gesammelten Lieblinge folglich kaum. Er zieht Provokantes vor, wartet im Esszimmer mit Damien Hirsts zynischer Version vom „Letzten Abendmahl“ auf – einem perfide kombinierten Marketing-Mix von Arznei- und Lebensmitteln, der die Gäste todsicher in ein Gespräch über Kunst verwickelt. Genau das ist dem leidenschaftlichen Diplom - Kommunikator gerade recht. Jedes Werk gilt ihm als Katalysator. „Mit einem Stillleben auf geblümter Tapete erreiche ich das nicht.“

Er gehört nicht zu der Sorte klassischer Sammler, die ihre Schätze bewahren, sortieren, in Schubladen oder Tresoren verschließen. Ewigkeitsanspruch? Nein, danke. „Für mich ist Kunst eine Aufforderung zum Diskurs.“ Selbst im Schlafzimmer will er Anstoß erregen – diesmal mit einem recht intimen – Appell. „Just love me“ lautet die pinkfarbene Neon – Botschaft von Tracey Emin über dem Bett, „Kunst macht nicht einsam“ das Credo dieses sanften Tabubrechers.

Natürlich herrscht in seinem Haus kein Berührungsverbot. Ein Sitz – Ensemble von Tobias Rehberger wird schlicht und ergreifend benutzt – inklusive des Aschenbechers. Doch was tun, wenn die Wände voll sind, die besten Plätze besetzt? „erst dann macht es Spaß, Kunst zu kaufen“, behauptet Christian Boros fröhlich. Er kann seine Beute „auch verpackt im Keller genießen“. Nicht etwa, weil er sie (wie Werbemogul Charles Saatchi) als Investment betrachtet. Sondern weil „es genügt, sie vor meinem geistigen Auge zu haben“.

Selbst Banalität mindert nicht ihren Reiz. „Von Wolfgang Tillmans habe ich gelernt, dass Normalität extrem aufregend sein kann. Als ich ihn in den neunziger Jahren entdeckte, gab es ein enormes Bedürfnis nach Unverbrauchtem, Ungeschminktem, nach Authentizität. Tillmans Fotografien – als kleine Erbärmlichkeiten an die Wand gepinnt – sind Ausdruck davon.“

Die künstlerischen Arbeiten nach konventionellen Maßstäben zu bewerten liegt dem 36 – Jährigen fern. Wo andere den Hang zu Selbstdarstellung und Voyeurismus kritisieren, iAst Boros fasziniert von Expressivität und Exzentrik. Aus Tracey Emin Aktzeichnungen möchte er ablesen, „wie diese Frau mit ihrer Sexualität, mit ihrer Vergewaltigungserfahrung, ihrer Rolle als Frau fertig wird“, bei Paul Morrison sucht er nach dem „heutigen Verständnis von Natur“, bei Stephan Kern elektrisiert ihn der „handwerkliche Perfektionismus“.

Doch immer und überall fahndet er nach dem Lebensgefühl der eigenen Generation. Wohl deshalb hat sich Boros ausschließlich den aktuellsten Positionen der Gegenwartskunst verschrieben. Auf das Verfallsdatum achtet er nicht. Nur das Hier und Jetzt ist wichtig. Dass seine Favoriten nicht mehr, wie anfangs, gegen den Mainstream schwimmen, bekümmert ihn nicht, bestätigt vielmehr. Er weiß: Er hat die richtigen Talente frühzeitig erkannt, und er wird neue Trends aufspüren.

Vorerst wird er nun seinerseits erstmals als Sammler geoutet: Das Museum Schloss Morsbroich in Leverkusen zeigt Ausschnitte aus seiner Kollektion unter dem Titel „Freestyle“. Eine „wunderbar ungenierte Begegnung mit der traditionsreichen Architektur“, schwärmt Boros, für den die Institution Museum ganz und gar nicht obsolet geworden ist. So hat er sich denn auch neulich sonntags dorthin begeben, inkognito versteht sich. Hat das Publikum beobachtet und sich klammheimlich über das Vergnügen von Eltern und Kids an seiner Sammlung gefreut.

Doch halt. Genau das macht uns skeptisch. Was wäre geworden, wenn Mama und Papa Boros ihr Söhnchen ins Museum geschleppt hätten? Womöglich wachsen in Leverkusen lauter Ärzte und Juristen nach.

Marion Leske