Erst fanden in dem 1941 errichteten Luftschutzbau Partys und Fetischmessen statt - jetzt hat der Sammler Christian Boros ihn zu einem spektakulären Museum umgebaut.

Zu DDR-Zeiten sah man die Sache pragmatisch: Ein Bunker ist innen immer kühl, deswegen eignet er sich in Friedenszeiten vor allem als Lager für verderbliche Waren - und deswegen konnten die ersten Westbesucher, die nach dem Ende des Kalten Krieges in den Bunker an der Berliner Reinhardtstraße kamen, ihren Augen oder genauer genommen ihrer Nase nicht trauen: Hier roch es nicht nach kaltem Beton, nicht nach DDR, nicht nach dem Moder ungeheizter, fensterloser Räume. Hier roch es wie in einer großen Einkaufstasche aus Beton - und das war der Bunker zu DDR-Zeiten auch: ein Obstspeicher für die oberen Ost-Stände, in dem Bananen aus Kuba und Apfelsinen aus klimatisch günstiger gelegenen sozialistischen Bruderrepubliken lagerten.

Es war ein absurder Ort. Der süßliche, schwere Geruch von allmählich braun werdenden Bananen wehte durch eine Architektur, die nicht nur dreitausend Menschen Schutz vor Fliegerangriffen bieten, sondern auch das ikonographische Ausrufezeichen einer wehrhaften Nation sein sollte; weswegen der Berliner Stadtbaudirektor Karl Bonatz, der den Bunker 1941 entwarf, ihn mit Rustika-Eingängen und Risaliten im Germania-Stil als römische Wehrburg verkleidete.

Nach 1990 enterte die örtliche Techno- und Fetischszene das bizarre Monstrum. Zahllose Partys und die "Sexperimenta" fanden statt, danach wechselten sich Kunstausstellungen und Fetischmessen so schnell ab, dass man bald nicht mehr wusste, ob die Lederriemen an der Decke die "sexuellen Abgründe der modernen Gesellschaft" nur kritisch reflektieren oder handfest vertiefen sollten. 1996 beherbergte der Bunker die "Ouvertüre der Lust" ebenso wie die Kunstausstellung "Files", bei der unter anderen der damals noch unbekannte Künstler Ólafur Elíasson ausgestellt wurde. Dass Elíasson jetzt wieder im Bunker zu sehen ist, liegt an der Hartnäckigkeit eines Mannes namens Christian Boros, der das Gebäude 2003 kaufte und dann darin etwas veranstaltete, was als fitzcarraldohafte Irrsinnsaktion in die neuere Berliner Architekturgeschichte eingehen dürfte.

Boros beauftragte den jungen Berliner Architekten Jens Casper damit, den Bunker in jahrelanger Arbeit auszuhöhlen wie einen Felsen: Die über 120 klaustrophobischen, nur 2,3 Meter hohen Bunkerräume wurden zu Atrien verbunden, der Architekt brach Blickachsen hinein, riss Decken auf und schuf bis zu dreizehn Meter hohe Räume. Alles, was entfernt wurde, musste mit Diamantsägen herausoperiert und per Hand herausgetragen werden, und die rauhen Spuren im Beton zeugen davon, was für ein Gewaltakt das war. Manche Räume wirken wie Lichthöfe, die sich in Kaskaden aufbauen und auf fünf Ebenen zu einem großzügigen Labyrinth verbinden, ineinanderlaufen, sich überlagern und auffalten wie in Le Corbusiers Villa Fallet La Roche. Casper machte Ernst mit der Dekonstruktion: Er nahm auseinander, baute ab, zerlegte, öffnete, spielte und erfand ein System, durch Wegnehmen neue Räume zu schaffen.

Das Ergebnis ist verblüffend: rund dreitausend Quadratmeter Ausstellungsfläche, ein Raumgebilde, das sicherlich zu den spannendsten Kunstbauten der letzten Zeit gehört, und eine Ausstellung, in der alle Künstler sich mehr oder weniger mit der Frage des Raums auseinandersetzen. Elíasson löst die harten Betonkanten in einem unwirklich warmen, kaleidoskopartig über die Wände flirrenden Lichtschimmern auf. Santiago Sierra ließ für seine schwarzen Minimal-Skulpturen, die optisch an seinen Fast-Namensvetter Richard Serra erinnern, weitere Betondurchbrüche in eine Wand fräsen; die Betonteile liegen nun unter der Skulptur, als habe ein Monster sie mit gigantischen Zähnen aus der Wand gebissen. Ein paar labyrinthische Kurven weiter stößt man auf eine großartige Werkgruppe von Tobias Rehberger, die wie ein Kondensat modernistischer architektonischer Utopien wirkt.
Es spricht für die Sammlung, dass neben den üblichen großen, im Kunstmarkt etablierten Namen hier auch junge Künstler und Künstlerinnen und einige interessante, aber bisher unbekannte Arbeiten wie die von Manuela Leinhoß zu entdecken sind. Und am Ende sind, auch wenn man an der Qualität des einen oder anderen Exponats herummäkeln kann, solche subjektiven Vorlieben folgenden Sammlungen anregender als das gleichgeschaltete Gegenwartsallerlei, das viele staatliche Häuser in ihre Hallen rollen. Ab Juni wird Boros' Sammlung an Wochenenden öffentlich zu besichtigen sein; man muss sich allerdings vorher anmelden.

Generell nicht zu besichtigen ist das Wohnhaus, das sich Boros oben auf seinen Bunker stellen ließ. Dieser sehr kalifornische Bungalow, artgerecht von einem Garten und einem Swimmingpool umgeben, ist eine besondere Form dessen, was in der Architekturtheorie "Superimposition" genannt wird: eine nicht nur räumliche, sondern auch ideologische Überbauung, die Auflösung des alten NS-Theaterdonners in der amerikanischen Bungalowmoderne und im freien Grundriss, den der Architekt vertikal und horizontal ins Betongedärm des Bonatz-Baus fräste.

Boros' Vorliebe für die kalifornische Ästhetik hat vielleicht auch etwas mit seiner Biographie zu tun, die eine sehr amerikanische ist: die Geschichte eines Einwandererkindes aus armen Verhältnissen, das aus eigener Kraft ein Vermögen macht. Boros wurde 1964 in Polen geboren und kam als Kind nach Deutschland; während seines Studiums bei Bazon Brock gründete er eine Werbeagentur, erfand das Logo und die Kampagne für den Musiksender Viva, arbeitete für Coca-Cola und die Grünen. Einen Großteil des Geldes, das er so verdiente, hat er in den Bunker gesteckt; das erklärt vielleicht auch die manische Detailverliebtheit seines Penthouses, in dessen vier Meter hohen Sichtbetonwänden Muschelkalkböden und Einbauten aus geräucherter Eiche dominieren und alle Gummi-Türdichtungen durch handgenähtes Kalbsleder (!) ersetzt sind. Die Architektur ist spektakulär und erinnert an die James-Bond-Filmsets, über die Boros seine Diplomarbeit schrieb, trotzdem ist es vielleicht nicht jedermanns Sache, jeden Morgen Hunderte Tonnen Beton, Gasmelder und andere Überlebensapparaturen des Jahres 1942 unter sich zu wissen, wenn man aufwacht. Bei der Einweihung, bei der unter anderen Bürgermeister Wowereit im Kunstliebhaberlook durch die Hallen spazierte, standen einige aus Dahlem angereiste Herrschaften jedenfalls verdattert in der kalifornisch ostentativen Pracht und staunten: So was gab es in Berlin bisher nicht.

Aber es ist gut für Berlin, dass es so etwas jetzt gibt. Zum einen ist, nach einem Jahrzehnt, in dem Privatsammler und öffentliche Museen in Deutschland mit oft desaströsen Folgen ihre widerstreitenden Interessen unter einen Hut zu bekommen versuchten, der Bunker Teil einer neuen Kultur von Privatmuseen. Boros schiebt seine Sammlung nicht unter die Fittiche eines staatlichen Museums; er geht, wie vor ihm etwa Ingvild Goetz, die München ein exquisites Privatmuseum von Herzog & de Meuron bescherte, den nobleren Weg, baut auf eigene Kosten sein Museum und macht es öffentlich zugänglich.

Zum anderen könnte und sollte Boros' Haus auf dem Haus Schule machen, denn tatsächlich stehen in Berlin und anderen Großstädten Tausende von gut bebaubaren Flachdächern ungenutzt leer. Ein Bungalow mit Garten mitten in der Stadt, auf dem Dach eines Mietshauses, einer Fabrik oder eben eines Bunkers ist am Ende keine Frage des Geldes, sondern nur eine der architektonischen Phantasie - und davon haben private Initiativen in Berlin ganz offensichtlich deutlich mehr als die zuständigen Behörden.

NIKLAS MAAK

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