DIE KUNST DER WERBUNG DER WUPPERTALER WERBE-PROFI CHRISTIAN BOROS KAUFT TRENDKUNST SEINER GENERATION - IN LEVERKUSEN ZEIGT ER DIE HIGHLIGHTS

Seine Anzeigenkampagne für den Musiksender Viva mischte die Branche 1994 auf. Plötzlich galt Christian Boros, damals 29, als kreativer Überflieger der Werbeszene. Statt Budenzauber und "Kauf mich" - Anmache bot der Wuppertaler Jungunternehmer seinen Auftraggebern authentische Bilder. "Wir zeigten Jugendliche, die alles andere taten als fernsehen, zum Beispiel knutschen, während im Hintergrund die Glotze lief", erinnert er sich. Das wirkliche Leben interessierte den jungen Werbechef, inszeniert mit jenem radikalen Chic, der damals Fotografien von Wolfgang Tillmans auszeichnete. Boros hatte den Deutschen aus London 1990 entdeckt und spontan zwei Arbeiten von ihm gekauft, fasziniert von ihrer "verstörenden Normalität".

Die 600 Mark für die beiden Fotos waren hervorragend investiert. Nicht nur, weil Tillmans inzwischen zum Superstar der Kunstszene aufgestiegen ist und Sammler für seine Werke gut zwanzigmal so viel zahlen. Entscheidend war, dass Boros unvermittelt die Inspirationsquelle für seinen Job endeckt hatte.

Denn ein Jahr vor dem schicksalhaften Kunsterwerb hatte sich der Schüler des Wuppertaler Ästhetikprofessors Bazon Brock mutig, weil ohne eigenes Kapital, selbständig gemacht und seine "Agentur für Kommunikation" gegründet. Sein erster Kunde war Computerunternehmer Jost Stollmann.

Lehrer Brock gab den unbezahlbaren Rat, er solle "von den Künstlern lernen". Boros tat es, machte Karriere und wurde gleichzeitig zum Sammler der coolsten Künstler seiner Generation. Zum ersten Mal zeigt er rund 125 Werke seiner Sammlung nun öffentlich - im Museum Morsbroich Leverkusen. "Ich lerne von den Künstlern Haltung und Autorenschaft, deshalb bin ich erfolgreich", gibt er zu. Zu den Shooting-Stars seines Lifestyle-Pingpongs zählen neben Tillmans, von dem er heute europaweit die meisten Arbeiten besitzt, die Britpop-Stars Damien Hirst, Tracey Emin, Steven Gontarski und Sarah Lucas. Auch die deutschen Zeitgeist-Artisten Michel Majerus, Daniel Pflumm und die Amerikanerin Elizabeth Peyton entsprechen mit ihrer Cross-over-Ästhetik seinem Lebensgefühl.

"Die Vorstellung von Kunst als emotionaler Kuschelecke oder Gegenwelt ist Kitsch von gestern", erklärt Boros selbstbewusst. "Mich interessiert die Nähe. Weil ich weiß, wie Bilder wirken."

Eva Karcher