FLORAN ILLIES
GENERATION GEGENWART

Es ist vielleicht noch nicht einmal Neid. Denn zum Neid gehört immer ein Gefühl von – zumindest eingebildeter – Ungerechtigkeit. Also: Warum der und nicht ich. Wann immer man aber staunend sah und las, welche ungeheure Menge und Qualität an Kunstwerken ein Sammler in der Vergangenheit zusammengetragen hatte und welche Bilder, die längst Ikonen der Kunstgeschichte sind, also um 1890 in Paris, um 1920 in Berlin oder um 1970 in New York noch für ein paar hundert Mark zu kaufen waren, da tröstete man sich sehr bequem mit der, nun ja, Gnade der späten Geburt. Man bildete sich also, in üppigen Ausstellungskatalogen über vergangene Modernen blätternd, ein, daß man das alles damals natürlich auch selbst entdeckt und gekauft hätte. Zu dem Preis! Im Konjunktiv der Vergangenheit wären wir alle sehr große Sammler gewesen.

Es gibt immer nur sehr wenige, die auch den Indikativ Präsens kennen. Es sind die, die ihre Galeristen so lange quälen, bis sie sie wenigstens eine Stunde vor der Eröffnung einen Blick auf die neuesten Werke werfen lassen. Die, die dafür verantwortlich sind, daß die roten Punkte schon an der Wand kleben, bevor die Bilder richtig hängen. Die es ertragen, daß ihre Freunde sich einen Porsche kaufen, während sie versuchen müssen, ihrer Freundin den Sinn (und den Preis) einer Andreas-Slominski-Skulptur zu erklären. Die getrieben sind von der panischen Angst, daß sie beim Betreten einer Galerie zur geheimen Pre-Pre-Preview an der Tür bereits Heiner Bastian in seinem grünen Mantel mit Samtkragen treffen, der ihnen das beste Bild vor der Nase weggeschnappt hat. Und es sind die, die bei Vernissagen in Museen die Ausstellungskataloge noch während der Rede des Oberbürgermeisters akribisch danach durchforstet haben, welche Werke noch im „Besitz des Künstlers“ sind oder wo sich nur ein Courtesy-Hinweis auf eine Galerie findet. Das ist das Kleingedruckte, das ihren Adrenalinspiegel hebt.

Doch nun – für all diese: dieser Schock. Eine Ausstellung mit zentralen Werken von Elizabeth Peyton, Wolfgang Tillmans, Sarah Lucas, Michel Majerus, Wilhelm Sasnal, daneben Daniel Pflumm, John Bock, Olafur Eliasson, Franz Ackermann – und im Kleingedruckten steht immer nur diese eine Zeile: „Sammlung Boros“.
Und doch auch – für uns alle: dieses Glück. Es ist ein Glück, das besonders länge hält. Denn es speist sich aus der Verwunderung und ihrer großen Schwester, der Bewunderung und, ja: auch aus dem Neid: Hing dieses Bild nicht gerade vor fünf Jahren in Berlin in einer Galerie für höchstens 1000 Mark, stand diese Installation nicht letztes Jahr auf der Frieze Art, habe ich diese Fotos nicht vor kurzem in diesem Kölner Magazin gesehen? Man ahnt, daß man diesmal nicht mehr sagen kann: Ja, zu dem Preis, da hätte ich sie auch gekauft, ja, das konnte man ja gleich sehen, daß dieses Kate Moss-Foto von Tillmans schnell zur Ikone wird oder dieses Selbstbildnis von Elizabeth Peyton ein Symbol wird für die Kunst unserer Jahrhundertwende.

Einer sah es wirklich gleich. Und so haben all diese Werke jetzt einen Versammlungsort gefunden. Sie wohnen in der „Sammlung Boros“. Das muß ein merkwürdiges Haus sein. Über der Tür steht „Neu“, wie in der Lichtinstallation von Daniel Pflumm. Und doch wird das Neue darin nicht alt, weil über dieser Sammlung noch ein zweites Motto steht – eines von Michel Majerus: „Just when I nearly had the answer, I forgot the question“. Vielleicht steckt in der Kombination dieser Worte ein Schlüssel zum Geheimnis der Sammlung. Alle darin vertretenen Künstler treibt der unbändige Wille um, die Gegenwart (oder was immer sie dafür halten) zu fassen zu bekommen. Wie Jäger werfen sie sich immer wieder auf die Zeit, um sie festzuhalten. Und doch wissen sie alle, daß sie ihnen wieder entwischen wird. Gleich ob Peyton, Hirst, Emin, Sasnal, Sierra, Tillmans oder Meese – sie alle können die Welt nur im radikal subjektiven Zugriff beschreiben. Und zwar, obwohl sie längst wissen, daß sie sie dadurch keineswegs beherrschbarer machen. Sie alle schreiben an ihren persönlichen Mythologien und privaten Museen der Dinge und der Gefühle – sie loten die Grenzen von Sexualität aus, der Schönheit und des Todes, sie versuchen alle, sich selbst zu verkraften; und wenn sie spielen, dann immer im Wissen um den Ernst der Lage:

„If I Die In A Car Crash It Was Meant To Be A Sculpture“, wie es in einem Werk Johannes Wohnseifers heißt. Überall scheint jener Gestus auf, der in der großen Werkgruppe Elizabeth Peytons am augenfälligsten wird: Sie vereint alle Dargestellten mit ihrem unverwechselbaren Stil zu einer unsichtbaren Familie, verschwistert und verbrüdert sie mit sich selbst. So erzählt sie auf kunstvolle Weise davon, wie radikale Subjektivität immer auch ein gewaltsamer Übergriff ist. Und eine Fiktion. Genau diese Sehnsucht nach Beherrschbarkeit, nach Sicherheit, nach Antworten und das gleichzeitige melancholische Wissen um deren Unmöglichkeit eint die Werke der Sammlung Boros.

Blickt man auf diese Sammlung, so spürt man, wie jede dieser vergessenen Fragen den Kopf des Sammlers wieder freimachte für eine neue Antwort. Wie in einem ungeheuer kurzen Zeitpunkt von nur zehn Jahren in jedem Jahr ein oder zwei neue Künstler der jüngeren Generation an der Tür des Hauses Boros rüttelten. Doch er ließ nur rein, wer so klug war, keine Antwort zu haben. Drinnen dann, neben all den anderen Werken seiner Sammlung, neben denen sie sich behaupten müssen, von denen sie herausgefordert werden, da wurde manch scheinbare Antwort ohnehin sehr schnell wieder zur Frage und manch scheinbare Frage plötzlich zur Antwort. Denn über allem schwebt ein letzter Spruch von Michel Majerus: „Die Absichten des Künstlers werden überbewertet“. Daß sie trotz ihrer radikalen Subjektivität sogar dies zu wissen scheinen, das macht die Werke der Sammlung Boros so außergewöhnlich zeitlos modern.