CHRISTIAN BOROS SAMMELT KUNST, MIT DER ER ZU KÄMPFEN HAT.

Sie ist alles andere als eine Vorzeigegegend. Viele Häuser und alte Industriebauten stehen leer. Erotikangebote von "Orion" bis zum Bordell und Grillimbisse prägen das Viertel in der Nähe des Wuppertaler Hauptbahnhofs. Aber hinter der Messingtür eines ehemaligen Textilkontors endet die schmuddelige Welt abrupt: im Foyer eine riesige Theke aus schwarz lackierten Würfelelementen, hohe Räume mit schneeweißen, kahlen Wänden.

Der Kontrast zwischen dem kühlen Ambiente und der heruntergekommenen Gegend spiegelt das Leben von Christian Boros wider: zwischen der perfektionierten Werbewelt und der schräg-provozierenden aktuellen Kunstszene. Er ist Chef der 30-Mann-Werbeagentur Boros GmbH - und einer der aufstrebenden jungen Sammler aktueller Kunst in Deutschland.

Boros mag den Widerspruch. "Mich interessiert Kunst, die ich erst einmal nicht verstehe, die mich aufregt, mit der ich zu kämpfen habe." Und die sei oft in Städten entstanden mit Problemen, "in der Diaspora", wie er sagt. Anfang der 90er-Jahre waren es London und Berlin, dann New York, jetzt Warschau. So fühlt er sich wohl im schrägen Viertel in Wuppertal.

Warum sind die riesigen Wände in der Agentur leer? Warum hängen hier keine Bilder seiner Sammlung - etwa zarte Porträts der Amerikanerin Elizabeth Peyton oder eines der Fotos spärlich bekleideter Paare von Wolfgang Tillmans oder Gemälde des in Berlin lebenden Malers Jonathan Meese, dessen grober Pinselstrich an die heftige Malerei der achtziger Jahre erinnert?

" Das engt den Blickwinkel nur ein. Ich will hier klare Gedanken haben, neue Bilder erfinden für Werbekampagnen", sagt Boros im schwarzen Cordjackett und offenen Hemd.

Und so wird der eher kleine Mann mit dem kahl rasierten Schädel im Konferenzraum vor der leeren Wand selbst zum Hauptdarsteller, wenn er, ein Bein über das andere geschlagen, wieder mal eine Marlboro anzündet und seinen Gesprächspartner mit neugierig-herausfordernden Augen anschaut. Wenn er lebhaft davon erzählt, wo seine Kunstsammlung demnächst eine Heimat finden soll - im Bunker.

Vor drei Jahren hat er das trutzige Gebäude mit den schießschachtähnlichen Fensteröffnungen in der Reinhardstraße mitten in der Hauptstadt Berlin für sich entdeckt, die er "mit ihrer Offenheit als meine geistige Heimat" bezeichnet. Er sieht sich als Teil einer Alternativbewegung zu dem heutigen "Museumskitsch". Er regt sich auf über die Mode, alle Museen mit Geschäften auszustatten.

Klar, sein Kunsthaus wird durch keine der üblichen Glasfronten auffallen. Kein Licht, kein Geräusch dringen durch die bis zu zwei Meter dicken Betonwände. "Man wird aufgenommen wie im Mutterleib", sagt er und macht dazu ein saugendes Geräusch, wie wenn er zu heiße Suppe schlürfen würde. Sein Museum will er Ende des Jahres eröffnen.

Der 40-jährige Werber wird der Jüngste sein unter den wenigen privaten Sammlern in Deutschland, die wie Frieder Burda selbst ein Museum für ihre Sammlung finanzieren. Boros hält nichts davon, wenn Persönlichkeiten wie der verstorbene Aachener Schokoladenfabrikant Peter Ludwig von Land oder Stadt "in einer Art Nötigung einen Unsterblichkeitsbau erpressen" als Gegenleistung für ihre Sammlung.

Aber wer sein Museum selbst bezahlt, darf Wünsche äußern. Auf dem Dach von "Der Bunker - Sammlung Boros" gönnt sich der Hausherr eine Penthouse-Wohnung. "Damit ich auch mal im Morgenmantel heruntersteigen" kann, etwa zu den gepunkteten Werken des Briten Damien Hirst oder den obszönen Zeichnungen von Tracey Emin. Er will wechselnde Ausstellungen aus seinem Bestand zeigen, der 400 Werke von 40 Künstlern umfasst.

Er sei "ein gewinnender Mensch, der für seine Sachen kämpft", beschreibt ihn Pia Müller-Tamm, Wissenschaftlerin in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, die von Boros beraten wird. Nicht nur da verbinden sich Werbe- und Kunstwelt. So beeinflusst die Wahrnehmung aktueller Kunst auch Werbekampagnen. Und manchmal fließt alles zusammen, wenn Boros für Coca-Cola wirbt und als Sammler die "Coca-Cola light Kunst-Initiative" unterstützt. Werbung und Kunst bestimmen eben sein Leben.

Anfang der neunziger Jahre beginnt er, regelmäßig Kunst seiner Generation zu kaufen, immer Objekte, die ihn "geistig bereichern". Das Geld verdient er während seines Designstudiums mit seiner eigenen Werbeagentur ("Da bekam ich 30 Mark pro Stunde, als Kellner nur zehn").

Erster Kunde ist Jost Stollmann, der Gründer von Compunet, dem er eine Schwarzweißkampagne für sein IT-Unternehmen verordnet, während die Branche in Farben schwelgt. Das Konzept geht auf. Compunet wächst, Boros auch. Heute arbeitet er für Kunden wie Coca-Cola, Siemens und UBS-Bank.

Wie viel er mit seiner Agentur verdient, verrät er ebenso wenig wie die Summe, die er für seine Sammlung ausgegeben hat. "Ich gehe immer an die Grenze des Möglichen, notfalls stottere ich etwas ab", gesteht er. "Als Sammler willst du haben", sagt der Mann, der als Schüler Werke von Joseph Beuys kaufte. Würde er ein Kunstwerk auch wieder verkaufen, wenn er in finanziellen Schwierigkeiten wäre? "Nein", kommt die prompte Antwort. "Lieber verkaufe ich mein Auto", sagt der verheiratete Vater von zwei Söhnen, der seine Frau Karen Lohmann einst auf der Kunstmesse in Basel kennen lernte.

Boros greift früh zu. "Er hat ein Gespür dafür, welches Potenzial ein Künstler hat, manchmal schon in der ersten Ausstellung", sagt Tim Neuger, Geschäftsführer der Galerie Neugerriemschneider in Berlin, mit der Boros zusammenarbeitet.

Im vergangenen Jahr war seine Sammlung im Karlsruher Museum für neue Kunst zu sehen. Zur Eröffnung ließ er die ganze Agentur anrücken. Sicherlich war es sein Stolz über die erste große Werkschau, aber auch sein missionarischer Eifer, andere für Kunst zu begeistern.

Begeistert kaufte er auch die begehbare Skulptur "Your Spiral View" des isländisch-dänischen Künstlers Olafur Eliasson. "Doch wirklich haben werde ich sie nie", weiß Boros. Mit vier Metern Höhe und etwa zehn Metern Länge passt sie nicht in sein Museum. Aber in die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Da weist ein Mini-Schild auf den spendablen Leihgeber hin: "Sammlung Boros".