Der Werbe-Unternehmer und Kunstsammler Christian Boros baut sich auf ein Berliner Weltkriegs-Monster ein Penthouse und richtet darin ein Museum ein. Er möchte damit der Kunst neue Wege öffnen.

Auf Fotos sieht er oft etwas abweisend aus, fast lauernd, wie mit im Geiste erhobenen Fäusten. Und in der Tat hat sich der Werber und Kunstsammler Christian Boros schon früh geschworen, niemals den geraden Weg zu gehen, sich nicht durch Angleichung, sondern Abgrenzung zu profilieren. Nötigenfalls eben mit dem Kopf durch Wände, und seien sie aus Beton.

Vor dreieinhalb Jahren hat er einen Bunker in Berlin gekauft, um ihn für seine weit über 400 Werke umfassende Sammlung nutzbar zu machen. Und um darin zu wohnen – oder vielmehr darauf. Wie er dasteht, in der verschwenderischen Weite des 600 qm großen Penthouses, das er auf das Dach des fünfstöckigen Ungetüms aus Stahlbeton hat setzen lassen und das er dem Weekend Journal als erste Publikation überhaupt öffnet, wirkt der kleine, kahlköpfige Mann mit dem durchdringenden Blick keinesfalls verloren. Er vibriert fast vor Begeisterung, wenn er behände durch das lichtdurchflutete Gefüge aus Sichtbetonwänden und Muschelkalkboden gleitet, das trotz der schweren Materialien leicht wirkt, offen, warm, wie schwebend.

Kein Haus der Kunst, ein Bunker der Kunst. Warum kauft sich ein im unspektakulären Wuppertal beheimateter Werbeunternehmer einen Bunker im militärhistorisch so prall gefüllten Berlin? Und wenn er es tut, warum möchte er dann auch noch darauf wohnen? Und zu allem Überfluss: Warum richtet er darin ein (sein)Museum ein, dass der Öffentlichkeit nur nach Voranmeldung zugänglich sein soll?

Es ist Christian Boros’ Freude an ständiger Abgrenzung, die hier sichtbar wird. Er war dreißig, als er begann, mit dieser Haltung die Kunstwelt aufzumischen. Seine Werbeagentur in Wuppertal lief, und er hatte gerade seinen ersten Damien Hirst gekauft. „Anfang der Neunziger gab es in Deutschland eigentlich nur fünf Sammler, Vaterfiguren, die denMarkt unter sich aufteilten. Ich wollte das aufbrechen", erklärt er. „Man definiert sich selbst, indem man sich gegen andere positioniert.“ Ganz bewusst hat er damals die Kunst als Positionierungstool genutzt, als Alleinstellungsmerkmal für die Marke Boros. Sein Marketing in eigener Sache machte ihn zur Frontfigur einer neuen deutschen Sammlergeneration.Heute beinhaltet seine Sammlung zentrale künstlerische Positionen der letzten zehn Jahre, der einstige Jungsammler ist selbst erwachsen geworden. „Jugend ist keine Qualität. Sich darüber zu positionieren, finde ich schwach", sagt er.

Er meidet den Kunstbetrieb inzwischen lieber, geht nicht einmal mehr auf Messen – „ein Laufsteg für Models und Schauspieler, auf dem ich nicht mehr mitlaufen will“.
Mit fast kindlicher Freude registriert Boros die Bewunderung seiner Besucher für die gewaltige Behausung, geduldig posiert er für den Fotografen, bereitet zwischendurch Kaffee mit perfekt geformtem Milchschaumhäubchen und kann sich nicht satt sehen an den flirrenden Lichtmustern, die auf dem Wasserbassin der Terrasse tanzende Sonnenstrahlen an die Wände malen.

Außer den Handtüchern im Bad gibt es nichtsWeißes, es regieren gebrochene Farben.Weil das Bewegung und Spannung erzeugt.So wie das kleine Stillleben auf dem niedrigen Couchtisch: Die Stillänge der Amaryllis muss mit der Vasenhöhe im perfekten Verhältnis stehen, damit sie mit aufs Foto darf, aber die daneben verstreuten Spielzeugfiguren seiner Kinder brechen die perfekte Inszenierung augenzwinkernd auf. Den größten Bruch aber bildet der Gegensatz des Dachgeschosses zu dem darunter liegenden Korpus des Bunkers. „Das hier oben ist für mich wie der Deckel zur Büchse der Pandora. Da unten herrscht das Massive, Schwere, Dunkle, hier oben das Lichte, Anheimelnde.“ Letzteres haben Penthouses so an sich, aber bei diesem muss der Erbauer es eben extra betonen, weil er unter sich nun mal kein typisches deutsches Hochhaus hat.

Nach unten gelangt man durch eine Öffnung in der 3,5m dicken Decke. Es zu bohren hat ein halbes Jahr gedauert. Im Bauch desBunkers ist es beklemmend dunkel und kalt, das Gewicht der Decken scheint fast physisch spürbar. Ein Gewirr aus unzähligen ineinander verschränkten Treppenhäusern,Gängen und Räumen macht orientierungslos und schwindelig, als hätte sich eine Vision von M.C. Escher mit dem Jüdischen Museum von Daniel Libeskind vereint. Immer wieder verfängt sich der Stiefelabsatz in tückischen Bodenlöchern, während der Orientierungssinn versucht, sich an der klaren Stimme des Hausherrn festzuhalten, in der Begeisterung und Stolz mitschwingt und die samt trübem Lichtkegel einer Taschenlampe schon wieder lachend um die nächste Biegung verschwindet. Plötzlich ein Durchbruch in der Wand, der Blick weitet sich – von einer Brüstung geht er in einen kathedralenartigen Raum. Durch Entfernung von Zwischendecken und Wänden entstehen Sichtachsen auf bereits durchschrittene Räume von bis zu sieben Meter Höhe, nur um einen Gang weiter wieder versperrt zu werden.

Wie kommt man nur darauf, eine Immobilie für die Kunst nutzbar zu machen, wie sie ungeeigneter nicht sein könnte? „Berlin muss man neu nutzen, nicht neu bauen. Deshalb habe ich ein bestehendes Gebäude gesucht. Und der Bunker war Liebe auf den ersten Blick.“ Der ist an zweckentfremdete Nutzung gewöhnt: Nach Kriegsende von den Russen als Kriegsgefängnis benutzt, wurde er zu DDR-Zeiten als Lager für Südfrüchte aus Kuba zum „Bananenbunker". Nach der Wende machte ihn die Hardcore-Techno-Szene zum „härtesten Club der Welt“, und selbst Kunst hat er schon beherbergt. Das Relikt einer Ausstellung aus 2003, eine Wandmalerei des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone, hat der freudig überraschte Käufer also gleich miterworben Vielleicht mag der Bau, wenn Licht gelegt und die Wände geweißt sind, etwas einladender anmuten. Aber bleibt angesichts seiner ursprünglichen Nutzung nicht immer ein beklemmendes Gefühl, bleibt ein Bunker nicht immer ein Bunker? „Er ist auch ein Denkmal. Deshalb soll trotz der Umgestaltung seine ursprüngliche Funktion immer ablesbar bleiben. Ich habe zwei Kinder, und wenn die durch Berlin gehen, sollen sie wissen, es gab Krieg, und so was brauchen wir nie wieder. Der Bunker wird jetzt für die größte Freiheit in Form der bildenden Kunst geöfnet. Darüber bin ich froh.“

Seit dreieinhalb Jahren arbeitet Boros daran, sich seine „3 000 qm Darkroom“ gefügig zu machen, während die sperrige Masse ihn und sein Bauteam immer wieder an die Grenzen führt. Aber diese Herausforderung reizt ihn. Und auch seine Künstler will er dafür begeistern. Dafür ist er bereit, ihnen alle Freiheit zu geben, auch wenn er sie dem Bau erst mühsam abringen muss.
Santiago Sierra will eine Arbeit installieren, die größer ist als der dafür vorgesehene Raum? Dann bricht man eben Löcher in die Wände. Auch wenn die Bohrung jedes einzelnenzweiTage dauert und die dafür benötigten Diamantbohrer Unsummen verschlingen.

Einem so mächtigen Bollwerk kann man wohl nur mit einer ebenso kraftvollen Haltung gegenübertreten, um sich an ihm zu messen, an ihm zu wachsen. Das ist wie mit dem Kunstsammeln. „Ich sammle, was ich nicht verstehe“, betont Boros immer wieder. „Sammeln darf kein affirmativer Prozess sein. Man sollte offen sein gegenüber Dingen, die man nicht versteht.Hässlichkeit bedeutet auch Herausforderung.“ Aber wie erklärt er sich, dass so viele Künstler in seiner Sammlung heute keinesfalls als unverstandene Außenseiter, sondern als bedeutende Positionen der Gegenwartskunst anerkannt sind? „Als mir in London ein kleiner, pickliger englischer Junggalerist so einen komischen Alkoholkünstler für kleines Geld gezeigt hat, war nicht klar, dass aus Jay Jopling mit seiner Galerie White Cube einmal einer der einflussreichsten Galeristen werden würde und aus Damien Hirst einer der teuersten Künstler“, antwortet er. „Ich habe vielleicht einen Blick für Qualität. Aber ich handle nach keiner Strategie.“

Für einen Unternehmer fürwahr eine mutige Devise. Seine Entscheidungen sind getrieben von Subjektivität. Gerade auch als Unternehmer. „Erfolgreich wird nur, wem es egal ist, was die Marktforschung sagt. Unternehmer, die entgegen allen Unkenrufen aus eigener Überzeugung etwas geschaffen haben, sind Künstler. Wir brauchen mehr Subjektivität in der Wirtschaft.“In diesem Punkt werden der Unternehmer und der Sammler Boros eins. „Was ich aus der Kunst lerne, beeinflusst auch meine Entscheidungsprozesse in derWirtschaft: Ich will nicht hinterherhecheln. Die meisten Werber machen es falsch, indem sie die richtigen Wege gehen und nicht die Abwege.“

Christian Boros freut sich über das Interesse an seinem Projekt. Selbst das Müllwegbringen wird zu einem Abenteuer, wenn er aus seinem Bunker tritt und auf entgeisterte Blicke von Menschen trifft, die nicht glauben können, dass jemand in so was wohnt. Aber dieser Bau ist für ihn auch ein Refugium, gibt ihm die Möglichkeit, sich zu verschanzen in der großen Stadt. Boros will die Sammlung schon öffentlich zugänglich machen. Aber der Privatmensch gibt damit auch einen Teil von sich selbst preis. Deshalb verlangt er von Besuchern, dass sie ehrliches Interesse für das mitbringen, was er selbst spannend findet. „Einfach mal so reinschauen“, das wird es bei ihm nicht geben, stattdessen „konzentriertes Arbeiten“, nämlich Führungen durch die Sammlung nur nach telefonischer Voranmeldung.

Einen Eröffnungstermin mag der Bauherr nicht nennen, zu oft haben die Tücken des Gebäudes seinen Zeitplan schon durcheinander gebracht. Er nimmt für ein letztes Foto die Hilti in die Hand. Ein schweres Schlagbohrgerät, dem Werkzeugliebhaber fast göttliche Kräfte zuschreiben, aber gegen die Wände des Bunkers hat es die Kraft eines Zahnstochers. Macht nichts. Die eigentliche Kraft, mit der Christian Boros sich durch seinen Bunker bohrt, heißt Enthusiasmus.