Christian Boros über seine Sammlung und ihr spektakuläres neues Domizil
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Boros, wie fühlt man sich als Sammler, der plötzlich wie ein Szenestar hofiert wird?

CHRISTIAN BOROS: Ich bin selbst überrascht, welche Relevanz das international gewinnt. Kuratoren des Museum of Modern Art sehen eine neue Darstellung von Kunst, ich erhalte ein Feedback von New York bis Moskau. Das erschrickt mich - man kommt aus einem jahrelangen, privaten Sammeln, das für mich intim hoch drei ist. Ich war nur mir selbst verantwortlich und meiner Frau. Plötzlich wird das alles öffentlich diskutiert.

K S-A.: Wie waren Sie auf den Bunker an der Reinhardtstraße gekommen?

C.B.: Wir wollten nicht neu bauen, sondern etwas Geschichtliches neu bespielen, weil wir Berlin so verstehen. Nichts war da offensichtlicher als ein Gebäude aus dem Krieg, das umzuwandeln war in die Gegenwart.

K S-A.: Sie bezahlen Ihr Museum selbst.

C.B.: Von der Heizung bis zum Personal. Wenn man als Sammler mit einem öffentlichen Museum zusammenarbeitet, muss man bedingungslos schenken. Bedingungslos. Wenn man das nicht kann, dann soll man es sein lassen. Der Sammler Flick hat jetzt ja etwas geschenkt [dem Museum für Gegenwartskunst Hamburger Bahnhof, Anm. d. Red.]. Aber ein Mensch, der so vermögend ist - warum macht er nicht selbst ein Museum? Warum nötigt er andere, sich für seine Sachen zu interessieren?

K S-A.: Ihre Sammlung umfasst 500 Werke von Künstlern ausschließlich Ihrer Generation.

C.B.: Ich sammle, um meine Gegenwart zu verstehen. So habe ich 1992 angefangen mit einer Arbeit von Damien Hirst.

K S-A.: Was lehrt Sie die Kunst?

C.B.: Dingen näherzukommen, die ich nicht verstehe. Meine eigenen Grenzen zu spüren, über die eigene Limitiertheit nachzudenken und die Grenzen zu verschieben.

K S-A.: Können Sie das erläutern?

C.B.: Anfangs fand ich die Malerin Elizabeth Peyton süßlich und retrohaft, ich hatte gar nicht verstanden, wie man so kleine Bildchen von Popstars malen kann. Das war etwas, was mich aufregte - das hat es geschafft, mich zu irritieren, mir gezeigt, dass ich Vorurteile und Beschränkungen habe. Mich interessieren nicht die Dinge, die mir bestätigen, was ich ohnehin schon weiß über meine Gegenwart.

K S-A.: Was überzeugt Sie an Elizabeth Peyton oder an Anselm Reyle?

C.B.: Ich kann Werk und Künstler niemals trennen. Wenn ich Werke sammle, suche ich immer die Nähe zu den Künstlern. Mit Anselm Reyle habe ich viele Diskussionen geführt über schlechten Geschmack, über ästhetische Prozesse von Oberfläche, Kitsch, Autorschaft, und ich habe dabei gemerkt, welche Leistung hinter seinen Arbeiten steht. Sie haben darüber an Faszination gewonnen.

K S-A.: Sie kaufen sich also mit der Kunst auch das Entree zu den Künstlern.

C.B.: Das ist doch ganz normal, dass man sich durch das Sammeln auch intellektuell Sachen aneignet und erarbeitet. Es ist eine Näherung an das geistige Eigentum anderer Menschen. Ich würde nichts sammeln von jemandem, den ich nicht sympathisch finde.

K S-A.: Haben Sie sich schon mal überworfen mit einem Künstler?

C.B.: Nein, das nicht, aber es hat schon intensive, respektvolle Diskussionen gegeben.

K S-A.: Junge Kunst stammt aber nicht nur von jungen Künstlern, sondern durchaus auch von älteren.

C.B.: Aber die von jungen Künstlern kann ich mir leisten. Ich liebe Dan Flavin oder Judd oder Ryman, nur: Soll ich das klauen?

K S-A.: Was hat die Kunst, die Sie sammeln, mit Ihrer Branche und Ihnen als Inhaber einer Werbeagentur zu tun?

C.B.: Ich bin Unternehmer und dazu jemand, der sich mit Bilderfindungen beschäftigt. Als Unternehmer kann man etwas nachmachen, wie es in der deutschen Wirtschaft großenteils getan wird. Oder man kann etwas erfinden. Mich interessiert das Erfinden.

K S-A.: Was haben Sie erfunden?

C.B.: Kampagnen, die so vorher noch keiner gemacht hat, etwa "Viva liebt Dich". Das war 15 Jahre vor dem Mc-Donalds-Claim "Ich liebe es". So etwas auf Deutsch: Das war damals komplett uncool. Und erst recht für einen Musik-TV-Sender. So haben wir Viva TV jedoch wirklich einzigartig beworben. Und das mit großem Erfolg. Seit der Renaissance haben die Unternehmer immer gemerkt, dass ihnen die Künstler verwandt sind. Der Unternehmer folgt seinem Bauchgefühl, der hört nicht darauf, was man von ihm will. Subjektivität ist ein viel höheres Gut als Objektivität. Kantige Marken markieren tatsächlich etwas, sie sind im Wortsinn "merk-
würdig". Entscheidungen dazu treffen Menschen, die meinen, es genau so und nicht anders tun zu müssen.

K S-A.: Sie sammeln dezidiert in Werkblöcken. Wie würden Sie ihre Sammlung charakterisieren?

C.B.: Ich habe keine Vorlieben. Jeder intelligente Mensch hat verschiedene Facetten, was zentrale Themen angeht wie Leben und Tod, die es in der Kunst schon in der Renaissance gibt. Mich interessieren aber auch die Verfeinerungen, das letzte Quentchen. Da jeder Mensch sehr vielfältig ist, fände ich es - auch auf der Suche nach mir selbst - falsch, mich zu simplifizieren und nur Dinge zu kaufen, die sich zum Beispiel um Liebe drehen. Mich interessiert die Ruppigkeit einer Sarah Lucas genauso wie die Annäherung an physikalische, wissenschaftliche Dinge bei Olafur Eliasson. Es ist doch interessant, dass zur selben Zeit jemand so feinst malt wie Tomma Abts und gleichzeitig so jemand wie ein Jonathan Meese, der sich auf der Leinwand erbricht.

K S-A.: Wie entscheiden Sie sich zum Kauf?

C.B.: Ich schleiche erst mal wie eine Katze um den Brei. Ich kaufe nie sofort. Erst muss ich prüfen: Brauche ich das? Muss ich mir das wieder antun: Noch eine weitere Arbeit, gar sich auf einen neuen Künstler einlassen? Mir geht es ja nicht um einzelne Arbeiten, um Branding, Branding, Branding. Wenn ich mich auf einen Künstler einlasse, bedeutet das, dass ich sein Werk über die nächsten Jahre verfolgen werde. Das kostet Kraft.

K S-A.: Haben Sie Berater?

C.B.: Niemanden. Außer meiner Frau. Das Zweifeln, Suchen, Zögern und die Angst vor Fehleinschätzung gehören einfach dazu.

Das Gespräch führte Georg Imdahl