CHRISTIAN BOROS - DIE KUNST, DIE ER KAUFTE, WAR ERST SKANDALUMWITTERT - UND DANN WELTBERÜHMT. NUN ZEIGT DER WERBECHEF DIE GLANZSTÜCKE SEINER SAMMLUNG.

Mit seiner Kampagne für Viva 2 kriegte der Mann Probleme: In Bayern weigerten sich Plakatierer, die Motive an die Bauzäune zu kleistern, die Frauenpostille "Amica" schreckte vor den Anzeigen zurück. Denn Christian Boros, Jung-Star der Werbeszene aus Wuppertal, hatte eine Ästhetik verwendet, die fast alle Betrachter als gewöhnlich, glibberig, pervers empfanden, mit einem Wort: trashig. Dabei waren Boros' Vorbilder bereits auf dem Weg, die Weihen der großen Kunst zu erringen. "Für die Viva-2-Kampagne hatte ich mich ganz stark an Wolfgang Tillmans orientiert - dessen verstörende Normalität war neu, ich fand sie spannend und sehr dramatisch."

Sein erstes Foto von Tillmans hatte er sechs Jahre zuvor gekauft - er heftete es, der groben Ästhetik gehorchend, mit Reißzwecken an die Wohnzimmerwand. Ganze 300 Mark hatte das Werk Boros gekostet; heute ist es etwa das 20- oder 30fache wert. Vor allem aber war Boros infiziert vom Kunst-Virus.

Er begann zu sammeln, auch Gemälde, Installationen, Plastiken. Rund 250 Arbeiten hat er seitdem gekauft, die bessere Hälfte davon zeigt der Wuppertaler jetzt zum ersten Mal öffentlich im Museum Morsbroich.

Das Geld für seine erwachende Sammelleidenschaft verdiente Boros mit seiner Werbeagentur, die er als Student aus dem Boden gestampft hatte. Als Boros im 4. Semester pleite war, "da stand ich vor der Alternative, für 15 Mark in der Stunde zu kellnern - oder mir für 20 Mark einen Gewerbeschein zu holen". Boros, damals 23, entschied sich für Letzteres, sein erster Kunde: Jost Stollmann, der spätere Fast-Wirtschaftsminister. Von da an brummte Boros' "Agentur für Kommunikation".

Boros' verehrter Professor, der Ästhetik-Guru Bazon Brock, schürte das Kunst-Faible noch. "Christian, du hast von den Künstlern gelernt, Subjektivität einzusetzen, also musst du dich revanchieren. Kauf Kunst!"

Wenn Boros' Kollegen ihr Geld in schicke Wohnungen steckten, düste er nach London, Berlin, New York und kaufte Kunst. Beispielsweise sechs Zeichnungen für je 100 Mark von Damien Hirst: "Mich interessiert das Desaströse, die Faszination des Schreckens, alles, was nicht vollständig ist." Oder Bilder von Tracey Emin und Sarah Lucas, den bad girls der jungen britischen Kunst.

Als deren Preise jedoch in astronomische Höhen schossen "und die Galeristen um dicke alte Sammler buhlten", hatte Boros keine Lust mehr. Er entdeckte lieber neue Künstler; bis die dann bekannt wurden. Und so weiter.

Irgendwann war die Wohnung voll. Boros mietete ein Lager. "Manchmal fragt man sich: Was tue ich da? Aber dann bin ich wieder stolz auf mich, so etwas Dummes und Nutzloses zu machen."

Ingeborg Wiensowski