Der Mann mit dem markanten Schädel hält mit einem Fuß die Eingangstür aus Stahl auf und fingert in der Jacketttasche seines Nadelstreifenanzugs herum. „Ich habe wieder angefangen zu rauchen“, sagt Christian Boros und schaut ein wenig vorwurfsvoll, doch insgeheim enorm stolz auf das Gebäude. „Wegen dem da“, bedeutet dieser Blick. Vielleicht sprechen die Eltern von Marilyn Manson so ähnlich über ihren Sohn. „Monster“ oder „Ungetüm“ wurde der Reichsbahn-Bunker an der Reinhardtstraße in Berlin-Mitte, der inzwischen inoffiziell, aber zwangsläufig als Boros-Bunker firmiert, in der bisherigen Presseberichterstattung stets genannt. Über Christian Boros und seinen Bunker ließe sich eine Variante des alten Sagenmotivs „Mensch versus Bestie“ erzählen: Es ist der Kampf eines Mannes gegen einen ungeschlachten Koloss aus einer fernen, finsteren Zeit. Eines Mannes, dessen Liebe zur Kunst so groß war, dass sie etwas vermochte, das keinem Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs gelungen war: den Bunker zu knacken.

Wie Christian Boros – den Cohiba-Zigarillo zwischen zwei Fingern, das weiße Einstecktuch in der Brusttasche – hinter meterdicken Mauern im Entree seines Privatmuseums steht und über ihm eine große Kirchenglocke ohne Klöppel schwingt, erinnert er tatsächlich ein bisschen an einen Märchenmonarchen, dessen Vorhaben so gewaltig erschien, dass niemand die Erfüllung seines Traums für möglich gehalten hätte. Und der nun über beide Ohren grinst. Anfang Juni wird der Bunker mit Boros’ erster Sammlungspräsentation für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Die Presse steht bereits seit Monaten Schlange, Boros verteilt die Termine sparsam. Einige Aufnahmen seines irrwitzigen Gesamtprojekts sind exklusiv der Vogue versprochen, andere erstmals hier in Monopol zu sehen. Die Gästeliste für die Voreröffnung Anfang April verlängerte sich wöchentlich um hundert Menschen. Die Berliner Kulturprominenz wie Heiner Bastian und Hortensia Völckers zählte genauso dazu wie die internationale Kunstszene: Sam Keller, Hans-Ulrich Obrist, Art-Basel-Chef Marc Spiegler und Chris Dercon – nicht ganz zufällig fiel der Termin mit der Eröffnung der Berlin-Biennale zusammen.

So schön und so wahr das Märchen ist – man könnte die Geschichte auch ein bisschen tiefer hängen, und sie würde nichts an Spannung einbüßen. Zunächst einmal könnte man das „Monster“ entdämonisieren, das der Werber, Agenturbesitzer und Kunstsammler Christian Boros 2003 gekauft hat. 1941 begann die Planung unter Albert Speer im Rahmen des „Führer-Sofortprogramms“. 1942 fertiggestellt, hat der Bunker dabei durchaus wohlgestaltete Proportionen, die faschistisch-neoklassizistischen Elemente sind dezent unter die Dachkante gesetzt. Form follows function, das ist wohl nirgendwo zutreffender als bei einem Luftschutzbunker, der vielleicht radikalst denkbaren Trennung zwischen Innen und Außen. Die bisherigen Umnutzungsversuche waren entsprechend; was hier hineinkam, blieb unter Verschluss. Im Krieg: zweitausend Zivilisten aus den umliegenden Straßen. Ab 1945: Gefangene der Roten Armee. Zu DDR-Zeiten: Bananen. Nach 1989: Sexmessen, Technopartys, SM-Clubs.

Zu keiner Zeit vorgesehen waren dagegen: Öffnungen aller Art, auch nicht innerhalb des Gebäudes. Und schon gar kein Loch in der drei Meter dicken, massiven Decke. Also alles, was Boros vorhatte. Oben, auf das Flachdach, ließ er sich ein lichtes Penthouse setzen, 150 Kubikmeter Beton mussten dafür aus der bombensicheren Außenwand entfernt werden. Im Glashaus über der Stadt wohnt der Sammler Boros mit seiner Frau Karen und seinem kleinen Sohn. Darunter befindet sich einer der teuersten Hobbykeller der Welt.

„Es gibt keine Summe, höchstens eine Lebenssumme am Ende“, sagt Christian Boros und wischt die Finanzfrage mit einer freundlichen Handbewegung weg. Allen ist klar, dass die Kosten für das Projekt Bunker alle Kalkulationen, nun ja, gesprengt haben. Fest steht, für das Geld hätte man locker auf irgendeinem großzügigen Grundstück ein Museum aus Stahl und Glas bauen können. Boros legt in freundlicher Ablehnung den Kopf schief. Das wäre dann nicht sein Museum. „Ich mag diese transparenten Going-public-Prozesse nicht. Am Ende bekommen die Museumscafés immer mehr Aufmerksamkeit als die Kunst. “Dabei ist Aufmerksamkeit natürlich genau die Ware, mit der der Werbefachmann Boros handelt. Obwohl er sie auch nutzt, um seine Kritik am Kunstzirkus zu äußern, sucht er die Öffentlichkeit. Das wird ihm manchmal als PR ausgelegt. Dabei kann man sich kaum konzentrierter und ausschließlicher der Kunst zuwenden als hinter den dicken Wänden des Boros-Bunkers. Statt Champagner gibt es auf einer der oberen Etagen: Leitungswasser aus einem Steinkrug. Eine Arbeit von Rirkrit Tiravanija. „Die Luft ist ja sehr trocken hier“, sagt Christian Boros mit feinem Lächeln.

Vier Jahre haben sich der Bauherr und der Architekt Jens Casper vom Berliner Büro Realarchitektur durch den Beton gebissen. Man musste am Anfang eine Menge Licht im Kopf mitbringen, um wirklich eine Vision für das tote Gemäuer zu entwickeln. Wie Maulwürfe krochen Casper und Boros mit Taschenlampen durch den Bunker und versuchten, sich vorzustellen, wie es einmal werden könnte. Brachen aus den einstmals streng durchgerasterten, niedrigen Etagen ein Gefüge, das Raumhöhen zwischen zwei und zwanzig Metern parat hält – und einige spektakuläre Durchsichten über mehrere Ebenen. Dabei war der Baustoff Beton nicht viel härter als die Auflagen des Denkmalschutzes. Die architektonische Leistung – sie ist respekteinflößend – bestand hier weniger im Bauen als im gezielten Wegnehmen. Aus Stemmen, Bohren, Brechen, Sägen.

Währenddessen begann der Bunker allmählich, seine eigene Geschichte zu erzählen: Spuren an den Wänden zeugen vom Fliegeralarm genauso wie von den Schwarzlicht-auf-Neon-Blitzen der Fetischpartys. Wodkaflaschen im Lüftungsschacht konnten als Weltkriegsrelikte identifiziert werden, Graffiti auf Böden und Wänden sind die Höhlenzeichnungen der frühen Ravekultur. Die Künstler von Boros’ erster Sammlungspräsentation, die sich mit dem Thema Raum auseinandersetzt, kamen alle höchstpersönlich, um sich die Platzierungen für ihre Werke auszusuchen. Anselm Reyle, der Neon aller Art verarbeitet – zu extrem farbintensiven Streifenbildern, zu Skulpturen aus Leuchtstoffröhren oder in Objekten, die er mit fluoreszierenden Pigmenten vollflächig eindeckt –, war begeistert von den Überresten der vergangenen Feste und ihren Leuchtspuren an den Mauern. Katja Strunz lässt ihre gefalteten Objekte an den rohen Wänden wie kleine Kampfjets über mehrere in der Höhe geöffnete Etagen nach oben steigen.

Es sind Mini-Einzelschauen, wie Boros es ausdrückt. Der Sammler hat nicht eingegriffen, nur ermöglicht. Viele der Arbeiten sind eigens für den Bunker entstanden. Andere Werke, wie Olafur Eliassons großartig bescheidener Ventilator, der sich durch seine eigene Turbinenleistung selbst in Bewegung setzt, sind schon lange im Besitz des Sammlers. „Erörterungszellen“ nennt Boros seinen strengen Parcours. Wer ihm vorwirft, das Ganze sei auch nur ein weiteres Kunstspektakel, dem erwidert er: „Spektakulär ist es nur in dem Sinne, dass es so absolut trocken ist.“ Trocken – und für einen derart aufgeladenen Ort ziemlich unpolitisch: Die erste Boros-Ausstellung bietet kaum kontroverse Positionen. Selbst Santiago Sierra wandte seine Brachialmethoden ausschließlich auf das Material des Bunkers an.

Wie geht man mit einem Gebäude um, dessen erschlagende Masse auch in der geschichtlichen Dichte liegt, die in den Wänden steckt? Der Architekt Jens Casper, der für das Projekt gerade den Deutschen Architekturpreis Beton gewonnen hat, beschäftigte sich gründlich mit dem historischen Erbe und entschied sich dann für absolute Zurückhaltung in seiner Gestaltungssprache. „Muss man wirklich klarmachen: Das ist ein Denkmal, hier haben Zwangsarbeiter gelitten?“ fragte Casper sich und fand, man müsse nicht. „Man hätte in der Umgestaltung historisieren können. Oder versuchen können, dem Bollwerk entgegenzuwirken. “Doch das wäre lächerlich. „Wir hübschen hier nichts auf.“ Jetzt scheint die Form der Sache angemessen: keine didaktische Aufarbeitung, dafür bleibt vieles bestehen, was für sich spricht.

Und so ist die Wiedererstehung des Bunkers als Privatmuseum keine wundersame Transformation, sondern nur folgerichtig in einer alten, langen Geschichte: Der Bunker beherbergte schon immer das, was zur jeweiligen Zeit besonders wertvoll war – Menschenleben im Krieg, Südfrüchte im Sozialismus, hedonistische Exzesse in den neunziger Jahren. Der Boros-Bunker ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass das höchste Gut der Gegenwart Kunst heißt.

SILKE HOHMANN