NZZ Gentlemen‘s Report 3.12 – Porträt

„NUR IM HOBBY KANN MAN WIRKLICH GROSSARTIG SEIN“

Werber und Kunstsammler Christian Boros (48) ist eine der schillerndsten und faszinierendsten Persönlichkeiten der neuen kulturellen Elite Berlins. Sein Kunst-Bunker in Mitte hat ihn weltbekannt gemacht, und mit seinem neuen Firmensitz am Halleschen Ufer setzt sich der Selfmademan nun ein weiteres Denkmal seines unbändigen Tatendrangs. Eine Begegnung.

Von Jeroen van Rooijen

"Damit wurde früher die Scheisse aus Berlin weggepumpt", sagt Christian Boros nüchtern und zeigt auf eine von drei verbliebenen, gigantische Maschinen im hinteren Teil des grossen Saals seines neuen Firmensitzes in Berlin. Damals, zu Zeiten Kaiser Willhelms II, sei dieser Bau errichtet worden, um die Fäkalien der Stadt, die man davor immer vertikal in den Boden entsorgte, vertikal aus der Stadt auf die Felder zu befördern. Den dafür benötigten Druck erzeugten grosse Dampfmaschinen, von denen eine noch steht und ebenso sorgfältig restauriert wurde wie der Rest des zwischenzeitlich fast zur Ruine zerfallenen Gebäudes am Landwehrkanal unweit des Potsdamer Platzes. "Ein schwieriges Gebäude", lacht Christian Boros, der sich in den letzten fünf Jahren seit dem Kauf hier seine neue Berliner Zentrale eingerichtet hat – "und genau deshalb hat es mich interessiert."

Nach seiner Zeit als Pumpwerk wurde das denkmalgeschützte Backsteinhaus ab 1978 als Lapidarium für ausgemusterte oder nicht benötigte Denk- und Standmale benutzt – die meisten davon wurden inzwischen woanders hin verfrachtet, doch einige blieben stehen, als Dauerleihgabe Berlins an einen seiner schillerndsten neuen Bürger. Eines der grössten steht in der Mitte des Raumes vor dem übrig gebliebenen Pumpwerk: ein fünf Meter hoher Herkules, der von den Russen seiner Nase, Hand, Keule und Penis beraubt wurde. Eine Anzahl kleinerer, aber dennoch tonnenschwerer anderer Figuren wurden in den eleganten, weitläufigen Räumen des umgebauten Pumpwerks verteilt, in dem seit kurzem 25 Angestellte von Christian Boros' Agentur arbeiten.

Dass Boros ein Händchen für extreme Gebäude hat, zeigte er schon 2008 mit dem Umbau des einstigen Reichsbahn-Bunkers im Berliner Stadtteil Mitte. Das massive Bauwerk war 1942 von den Nazis als Schutzraum für die Bevölkerung erbaut worden, nach dem Krieg als Gefängnis oder als Lager für Textilien und exotische Früchte genutzt und seit der Wende und bis zu seiner Umnutzung eine stadtbekannte Partylocation, in der Berlins härteste Techno- und Fetischpartys stattfanden. Boros, davor in Wuppertal tätig und wohnhaft, ließ im Innern des Bauwerks teilweise meterdicke Betonwände einreißen, um Platz für seine Kunstsammlung zu schaffen und krönte das Gebäude mit einem rundherum verglasten Penthouse für sich und seine Familie.

Gentlemen's Report: Christian Boros, wie findet man solch ungewöhnliche Orte?

Ich finde diese Orte nicht, sie finden mich. Ich wollte weder einen Bunker kaufen noch ein Pumpwerk, und ich wollte eigentlich auch keine Werbung machen oder einen Verlag gründen. Das kam alles so auf mich zu.

Das kann man einem, dessen Karriere derart wie nach einem Masterplan skizziert wirkt, kaum abnehmen. Sie lassen sich kaum einfach so durchs Leben treiben.

Doch, das tue ich. Ich hatte allerdings immer schon das Gefühl, dass ich etwas tun muss, das einen Footprint hinterlässt. Ich bin mit meinen Eltern aus Polen geflüchtet, mit nur einem Koffer, und wir hatten nichts. Wir spürten also ganz stark den Wunsch, hier in dem neuen Land, in dem wir ankamen, etwas zu machen, das bleibt. Ich ging in die Schule, habe dort zuerst kein Wort verstanden, sie aber als Stufenbester abgeschlossen. Da habe ich gemerkt, dass man nicht nur etwas tun muss, sondern auch tun kann.

Und dann haben Sie in den achtziger Jahren bei der Fluxus-Legende Bazon Brock in Wuppertal Kommunikationsdesign studiert und darauf in nur 14 Jahren ihre Firma zu einer der wichtigsten Agenturen des Landes gemacht. Wie ist so etwas überhaupt möglich?

Mit deutschen Tugenden. Wenn man aus Polen nach Deutschland kommt, versucht man, all diese Eigenschaften zu übernehmen: man ist fleißig, strebsam, ehrgeizig und sparsam - und dann wird das was. Meine Eltern hatten nicht das Geld, mein Studium zu finanzieren, also musste ich mich früh selbständig machen. Als Student habe ich also schon mein Gewerbe angemeldet, eine Werbeagentur, und das lief bald sehr gut. Aber eigentlich wollte ich ja gar nicht Werbung machen, sondern Museumsdirektor werden.

Das haben Sie mit Ihrem eigenen Museum im Bunker ja inzwischen auch geschafft. Was machen Sie besser als andere?

Meine Grundskepsis ist mein wichtigstes Talent. Wenn man sich nicht besoffen redet und  inzestuös nur unter seinesgleichen bewegt, also als Werber unter Werbern, dann ist das Leben interessanter. Ich habe lieber mit Künstlern Kontakt, und eigentlich glaube ich auch nicht an Werbung, obwohl ich Werber bin. Wenn ich einen neuen Kunden treffe, der uns mit Werbung beauftragen will, frage ich erst, ob das sein muss.

Sind die goldenen Jahre der Werbung, in denen solche Traumkarrieren möglich waren, nicht schon lange vorbei?

Traumkarrieren sehen anders aus - ich habe gerade einmal fünfzig Mitarbeiter, es gibt Agenturen mit tausend Angestellten, die an die Börse gehen! Das sind doch die Erfolgsgeschichten? Was ich hier tue, ist bestenfalls, mein Hobby zu zelebrieren. Das ist nicht verniedlichend  gemeint, denn ich bin davon überzeugt, dass man nur im Hobbyismus wirklich großartig sein kann. Nirgendwo sonst hat man so einen Tiefgang und eine solch schmerzvolle Leidenschaft wie in seinen Hobbys. Das sind Dinge, die man aus innerem Antrieb tun muss, und nicht, weil es einen gibt, der einem sagt, dass man etwas tun soll.

Wenn es keine Werbung ist, wie heißt Ihr Hobby denn, wie beschreiben Sie das, was Sie tun?

Dinge auf die Strasse zu bringen. Botschaften gar nicht selbst zu formulieren, sondern Dinge, die man gut findet, weiter zu tragen. Das war schon immer meine Art. Als Kind gibt es die, die ein großes Stück Schokolade, das sie bekommen haben, verstecken und dann alleine essen - oder die, die mit der Schokolade zu zehn anderen Leuten rennen und erzählen, wie gut diese doch sei. Das letztere war ich; ich habe stets eine viel größere Genugtuung darin erlebt, meine Freude mit anderen zu teilen, als diese Schokolade alleine zu essen. So ist das heute auch mit der Werbung, die wir machen: wenn ich etwas gut finde, dann will ich, dass jeder andere das auch so empfindet.

Sie multiplizieren ihre Freude, indem Sie sie teilen.

So ist es, auch mit der Kunst: ich will einen alten Meister nicht indem Tresor einschließen und eines Tages einsam mit ihm sterben, sondern ihn mit anderen teilen. Das habe ich schon als Student begriffen: meine Genugtuung war nicht, mein erstes Kunstwerk gekauft zu haben, sondern es anderen zu Ziegen, natürlich auch den Mädels, und manche davon damit zu irritieren. Das war für mich ein Hochgenuss, und so ist es heute noch: ich sehe mich als Brandstifter, der in anderen das Feuer entfacht, das ich spüre. So machen wir Werbung, so sammle ich Kunst, und deshalb habe ich auch den Buchverlag "Distanz" gegründet, denn wenn ich das Werk eines Künstlers, den ich toll finde, mit 10'000 anderen teilen kann, finde ich das hoch motivierend.

Sind Sie als Kunstsammler auch ein Mäzen?

Nein, ein Mäzen sammelt für sich, bei mir ist es eher eine Berufung. Ich muss diese Freude teilen. Diesbezüglich bin ich sicher ein Getriebener, aber ich fühle mich trotzdem nie gehetzt.

Sie arbeiten mit Ihrer Agentur für Medien, Verlage, Kulturinstitute und Ministerien - kann man da wirklich immer alles so gut finden, wie Sie es jetzt schildern? Oder muss man nicht oft auch Kompromisse machen?

Ich sage vieles ab, manches passt einfach nicht. Anderes, das mich interessieren würde, gewinne ich wiederum nicht, so ist das eben in unserem Fach. Das Schöne ist allerdings, dass wir bei Wettbewerben immer Erster oder Letzter sind, nie im Mittelfeld.

Wie verhindert man in Ihrem Gewerbe, dass man durch die Kunden, in Ihrem Fall besonders Parteien oder Institute, vereinnahmt wird und vielleicht sogar politisch in eine bestimmte Ecke gerückt wird?

Indem wir alles, was wir angehen, mit einer kritischen Distanz tun. Distanz ist eine ganz wichtige Haltung. Deshalb heißt der Verlag auch so. Privat bin ich allerdings ein sehr leidenschaftlicher Mensch und muss ständig aufpassen, mich nicht in Sachen zu verlieben. Wenn ich etwas gut finde, kann ich mich total vergessen. Deshalb ist mir der berühmte Satz von Jenny Holzer ein guter Begleiter: "Protect me from what I want" - er hing zehn Jahre in meinem Büro.

Heute prangt ein schlichtes "No" über dem Sitzungstisch in Ihren Büros.

Wunderbar, dieser kurze Satz, finden Sie nicht? Er ist von Santiago Sierra. Er ist auch programmatisch für unsere Arbeit als Dienstleistungstierchen. Ich habe immer schon entschieden nein gesagt und oft bemerkt, dass unsere Kunden dafür große Wertschätzung haben. Gerade die Entscheider sind ja oft genug - systembedingt - von Jasagern und Angsthasen umgeben und schätzen es dann, wenn es auch einen gibt, der auf Augenhöhe Nein sagt, etwa wenn ein Produkt einfach nicht gut ist. Solche Kunden bleiben uns dann oft auch viel länger verbunden  als die branchenüblichen zwei Jahre.

Sie glauben nicht mehr an Werbung, sagen Sie.

Ich glaube nicht mehr an konventionelle Werbung, weil die Konsumenten Werbung heute als bezahltes Loben durchschauen. Eine Anzeige, die behauptet, mit diesem oder jenem Produkt glücklich zu werden, dechiffriert man sofort als bezahlte Lüge. Also muss man heute anders agieren - nicht werben, sondern kommunizieren. Es geht darum, nicht nur Botschaften auszusenden, sondern auch zuzuhören.

Unser erster Kunde war der Fernsehsender Viva, mit dem wir den Claim "Viva liebt dich" schufen. Das war neu, weil es kein Imperativ war, der etwas vom Zuschauer verlangte, sondern ein Angebot. Bei dieser Grundhaltung sind wir geblieben: Dialog und eine gesunde Skepsis, mit der wir an Projekte rangehen. Wir versuchen, es uns nicht zu einfach machen. Wir lassen auch das Scheitern zu und Streben nicht nach Perfektion. Ich habe auch an einer Ruine immer mehr Spass als an der Vollendung.

 

Aber dennoch bauen Sie Ruinen zu schicken neuen Orten um.

Ich tue es auf meine Weise. Tadao Ando bekäme wohl einen Herzinfarkt, wenn er den Kieseleinschluss hier in dem Sichtbeton sähe, weil da etwas schief gelaufen ist - es ist einfach schlechte Betonqualität. Aber in meinen Augen ist dieser kleine Fehler eine der schönsten Stellen im umgebauten Pumpwerk.

Ganz konkret: wie kamen Sie zu diesem historisch bedeutsamen Gebäude.

Ganz einfach, indem ich offen meinen Bedarf angemeldet habe. Ich habe der Stadt gesagt, dass ich nun mit der Kunst in Berlin angekommen sei und die Offenheit dieser Metropole liebe, aber hier nicht arbeiten könne, weil ich keinen dazu geeigneten Ort hatte. Aber ich habe Lust, etwas zu tun. Dann zeigte man mit dieses schwierige Gebäude, das unter Denkmalschutz steht und keiner wollte, weil es einfach kaum in den Angriff zu Kriegen war. Und genau das hat meinen Ehrgeiz geweckt.

Sie müssen die Materie bezwingen.

Vielleicht bin ich tatsächlich Don Quichote, wer weiß!

Für den Umbau des Bunkers, auf dem Sie nun wohnen, brauchten Sie fünf Jahre und vermutlich ihr ganzes Vermögen.

Das mit dem Bunker war eine potenziell unheilvolle Kombination aus Leichtsinn, Selbstüberschätzung und Naivität. Dann geht es eigentlich schief. Wenn ich vorab gewusst hätte, was da auf mich zukam, dann hätte ich auch mein gesagt. Der Bunker hatte 120 Räume ohne Licht und eine 3.60 Meter dicke Decke, die auch Bomben nicht knacken konnte, die ich aber durchbrechen wollte. Da war ich aber noch zehn Jahre junger. Wissend, was ich da tue, hätte ich es nicht gemacht. Ein Glück, wusste ich es nicht.

Was sagt Ihnen, es trotzdem zu tun?

Eine kindliche Freude - ähnlich der, die man spürt, wenn man einen Berg ersteigt oder Baum erklettert. Ich wollte auch immer die Frauen, die unerreichbar sind. Allerdings geht wirklich viel Energie und Lebenszeit für solche Dinge drauf.

Braucht es starke Nerven, in einem Haus zu leben, das einst ein Nazi-Bunker, später ein Gefängnis und dann ein Sex Club war?

Ich bin vorgeprägt durch eine jahrelange Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Bösen. Ich habe über die Gegenspieler von James Bond promoviert - Dr. No ist ja der wesentlich interessantere Charakter als James Bond. Wir könnten lange darüber streiten ob Roger Moore als 007 besser war als Sean Connery, aber es steht ausser Zweifel, dass seine Widersacher immer spannender lebten. Ein Glück weiss man nicht, wie James Bond wohnt. Er ist ja ein Beamter und lebt wahrscheinlich in einer spiessigen Mietswohnung in London.

Der Bunker ist für Sie, was bei Scaramanga die Insel war.

Ich habe leider in Berlin keinen Krater gefunden, dessen Deckel ich hätte aufmachen können, oder auch keine Grotte, vor der ich eine Schiebetür hätte bauen können, ausserdem wollte meine Frau nicht mit mir in die Kanalisation einziehen. Aber der Bunker, der hat es mir angetan. Ich bin mir durchaus bewusst, dass dieses Wohnmodell provoziert. Aber abgesehen davon, dass ich wie ein Böser wohne, könnte ich keinem Gänseblümchen Leid zufügen.

Der Bunker ist nun schon ein Markenzeichen Berlins, die Leute wollen ihre Kunst dort sehen. Dazu müssen Sie sich aber erst einmal bei Ihnen anmelden.

Das mache ich, weil ich die Kunstjogger hasse, die Kultur im Laufschritt abschreiten. Im Bunker zeige ich meine Kunst und damit einen wichtigen Teil meines Lebens, es ist ein bisschen, als würde ich mein Innerstes offen legen. Also möchte ich, dass diese Kunst würdevoll, mit Zeit und dem nötigen Respekt rezipiert wird. Man ist bei uns nicht Besucher, sondern Gast. Man wird bewirtet und wird mit dem Namen angesprochen.

Warum kaufen Sie Kunst?

Das Schöne an der Kunst ist doch, dass sie keine Seife ist - sie nutzt sich nicht ab. Sie wird durchs Teilen nicht weniger. Es wird immer mehr. Doch es geht mir nicht um den Wert der Kunst. Kunst zu besitzen ist furchtbar langweilig, aber das, was sie bewirkt, ist unbezahlbar. Die Kunst ist das beste Mittel, Menschen kennenzulernen, und das bereichert mein Leben viel mehr als der Besitz eines Stücks Papier oder Bronze. Mich interessiert, was andere über die Kunst denken.

Suchen Sie nach neuer Kunst oder kommt die Kunst heute zu Ihnen, wie diese wahnsinnigen Gebäude?

Interessant  ist ja nicht, was man kauft, sondern die Abertausenden Gelegenheiten, zu denen man nein sagt. Kunst darf nicht nur einfach schön sein. Sie ist nicht nur zur ästhetischen Erbauung da, oder zur Affirmation von Status oder bereits erworbenem Wissen. Kunst ist gewollte Irritation. Kunst muss mir meine eigene Beschränktheit aufzeigen. Erst, wenn ich an meine Grenzen stoße, kann ich sie auch verschieben und meinen Horizont zu erweitern. Kunst, die es nicht schafft, mir meine eigene Begrenztheit bewusst zu machen, löst bei mir nichts aus. Ich will offener werden und lernen. Mehr entdecken, als ich schon weiß.

Wo finden Sie diese Kunst? Wohl nicht in Auktionen.

Diese Art von Kunst hat meist eine andere Funktion, die durchaus auch legitim ist: sie soll den Geschmack und Wohlstand des Besitzers anzeigen. Das ist okay, aber nicht mein Ding. Ich suche Kunst, die mir zeigt, dass es Dinge gibt, die ich nicht erwartet habe. Als ich begann, Olafur Eliasson zu kaufen, hatten seine Arbeiten noch nicht die Preise, die sie heute haben. Er war ein Außenseiter, eher schon ein Forscher als ein Künstler. Lust, Wind, Licht und Wasser - dieses Elementare hat mich anfangs sehr irritiert. Heute schätze ich es als großes Glück ein, früh mit solchen Ausnahmetalenten konfrontiert gewesen zu sein.

Gehen Sie noch auf die Jagd?

Aber sicher. Das Sourcing ist heute noch das größte Glück. Natürlich fahre ich auch auf die Art Basel - aber nicht, um dort in kleinen Kojen große Kunst zu kaufen, sondern in Menschen zu treffen und gute Gespräche zu führen. Dort trifft sich in kürzester Zeit eine Fülle internationaler Tätertypen.

Tätertypen?

Es gibt Tätertypen, die haben etwas, an Besitz - und dann gibt es die, die etwas tun und bewegen. Vielleicht sollte man sie auch einfach Akteure nennen.

Oft wird Kunst ja auch nur gekauft, um Vermögen in Sachwerten zu sichern bzw. materiellen Status anzuzeigen.

Auch das gibt es. Es sind nicht mehr nur die Menschen mit Kunstinteresse am Markt, sondern auch solche, die Kunst zur Statussicherung brauchen. Es gibt viele neue Akteure, und deren Beweggründe, Kunst zu sammeln, sind viel komplexer geworden. Ich hab‘s aber immer lieber wenn man für Kunst statt eine Jacht viel Geld ausgibt. Was soll ein russischer Millionär heute ach mit seinem Geld machen, wo es doch nicht mehr chic ist, einen Ferrari zu fahren?

Sind Kunstwerke Energieträger, in die der Künstler ein Stück seiner selbst verarbeitet hat?

Unbedingt, ich bin ein Verfechter dieser Energietheorie. Mir ist diese Energie früh bewusst geworden, als ich noch Schüler war und Joseph Beuys kennenlernte - er akkumulierte Energie in Fett. Das ist sehr nachvollziehbar: Energie wird Materie.

Gibt die Kunst, auf der Sie jetzt wohnen, die Energie auch wieder an Sie zurück? Anders gefragt: durchdringt die Energie diese 3.60 Meter dicken Beton zwischen dem Bunker und ihrer Wohnung auf dessen Dach?

Man spürt dort die unterschiedlichsten Energien. Man spürt Angst und Schrecken, die noch immer von einem faschistischen Gebäude dieser Brutalität ausgehen. Man wird täglich damit konfrontiert, etwa wenn ich vom Bäcker komme und vor der Haustür meinen Schlüssel suche. Oft werde ich dann angesprochen, was ich in dem Gebäude tue. Der Bunker ist nie ein Normalfall. Ich bin aber glücklich zu spüren, dass die Freiheit nun in dem Haus eingezogen ist. Die geistige Freiheit des Künstlertums. Kunst ist der Ausdruck des menschlichen Strebens nach Freiheit. Und das durchdringt auch diese dicke Decke.

Quelle: NZZ GENTLEMEN'S REPORT 0/12