Christian Boros präsentiert einen Bunker voll Kunst für «unaufgeregte Menschen»

Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg sind imposante Dinosaurier, aber nur bedingt als Gehäuse für zeitgenössische Kunst geeignet. Das musste auch der in eine Bunkeridee vernarrte Wuppertaler Sammler Christian Boros erfahren. Seit vier Jahren renoviert er unter immensem Aufwand einen zivilen Schutzbunker in Berlin-Mitte. Seine kapitale Sammlung will er dort in einer auch öffentlich zugänglichen Festung hüten.

Von Birgit Sonna

Albrechtstrasse 24: Wenn ein Berliner Bauwerk aus dem Zweiten Weltkrieg den überstrapazierten Begriff der «Trutzburg» zu Recht verdient hat, dann der wehrhafte Hochbunker mit seinen Einschusslöchern in Berlin-Mitte. Einzig in den seriell gereihten Fensterschlitzen öffnet sich die fünf Stockwerke umfassende Betonfestung – in ihrer mittelalterlichen Bedrohungsgeste erinnern die vormaligen Lüftungsschächte allerdings eher an Schiessscharten. Durch die dicken Wände konnte nichts von dem Baulärm nach aussen dringen, der das Gebäude im Inneren über viele Monate hinweg erschütterte. Decken und Wände wurden mühsam mit Diamantsägen durchbrochen, funktionale Relikte aus dem Überlebensinventar der zivilen Schutzsuchenden wie etwa Toiletten bis auf den Grund geschliffen, der 3,5 Meter dicke Beton-Stahl-Deckel wurde für ein Penthouse abgetragen. Vier Jahre lang ist der per se kaum ausstellungstaugliche Bunker für eine private Kunstsammlung mit einer als modernistisches Diadem aufgesetzten Wohnung präpariert worden. Jetzt strahlen die roh belassenen Betonwände des künftigen Privatmuseums zwar frisch getüncht in Weiss, ein neutraler White Cube ist damit aber in dem tageslichtlosen Raumlabyrinth keineswegs gewonnen.

 



Sicheres Gespür

Der Herr über die neue und zweifelsohne etwas mysteriöse Bunkerherrlichkeit heisst Christian Boros und gehört zu den mittlerweile wichtigsten Kunstsammlern Deutschlands. An der mit dem Erfolgskurs seiner Wuppertaler Werbeagentur immer weiter gewachsenen Sammlerobsession bildet sich letztlich auch zum guten Teil die Erfolgssaga jener «Emerging Artists» der frühen Neunziger ab, die heute zu den preislich nur mehr schwer erreichbaren Fixsternen der zeitgenössischen Kunst gehören: Franz Ackermann, John Bock, Elmgreen & Dragset, Olafur Eliasson, Tracey Emin, Damien Hirst, Sarah Lucas, Michel Majerus, Elizabeth Peyton, Manfred Pernice, Tobias Rehberger, Wolfgang Tillmans. Boros hat mit sicherem Gespür für die sich bereits abzeichnenden Trüffel der heutigen Avantgarde seine ersten Tillmans erworben, als die Bilder des deutschen Fotografen noch etwa um die 400 Mark kosteten: Technogirl «Julia» in ihrer Küche und das nackte Paar «Lutz und Alex Climbing Trees» haben sich als unmittelbare Porträts der Klub-Jugend-Kultur längst ins kollektive Gedächtnis der zeitgenössischen Kunstkennerschaft eingeschrieben. Und Boros ist nicht die erste Sammlerlegende, die mit einer Arbeit von Beuys den Einstieg in die Kunst gefunden haben will. Nach dem Abitur hat er ein mittlerweile wieder veräussertes Multiple von Beuys erworben – eine «Intuitionskiste». «Ich glaube, dass die Sammlung über die Jahre hinweg wesentlich offener geworden ist», sagt Boros. «Ich komme wie Tillmans und Hirst auch aus einer stark jugendgeprägten Zeit. Vergleichbar mit allen anderen Bereichen wird man mit den Jahren auch als Sammler immer präziser. Eben erst habe ich mich in die poetische Papierarbeit der 24-jährigen Philosophiestudentin und Künstlerin Manuela Leinhoss verliebt, die von der gleichfalls sehr jungen Galerie Micky Schubert in der Oranienburgerstrasse vertreten wird.»

Schwer zugänglich

Als handle es sich um alte archäologische Fundstücke, weist Christian Boros stolz auf die seltsamen laternenartigen Gefässe, die hier und da in den Ecken des Bunkers angebracht sind. Man vermutet, dass ihr Inhalt den Bunkerinsassen während des Zweiten Weltkriegs anzeigen sollte, ob die Luft im Aussenbereich von Gas erfüllt war. Schliesslich testet Boros mit sichtlicher Genugtuung aus, wie schnell man aus eigener Kraft und Logik die schwere Metalltür zu seinem Kunstverlies aufstemmen kann. Auch der Eingangsbereich wirkt betont unzugänglich, selbst den Klingelknopf findet man erst nach einigen vergeblichen Tastversuchen. Nein, diese Sammlung wird sich bestimmt nicht populistisch für das grosse Publikum aufschliessen. Besucher sollen die mit listigen Connaisseuraugen gehütete Kollektion an bestimmten Tagen nach Anmeldung besichtigen können. Als Vorbild fungiert zumindest in dem einen Punkt die ebenfalls zeitgenössische Berliner Privatsammlung Hoffmann im benachbarten Scheunenviertel. «Ich will Kunst nicht anbieten, man wird sie sich erarbeiten müssen», sagt Boros mit fast trotziger Miene. Er hat einen regelrechten Widerwillen entwickelt gegen die Eventbeschleunigung in der Kunst und sucht stattdessen nach «unaufgeregten Menschen», denen es um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den einzelnen Stücken jenseits des Society-Rummels geht. «Auch die Messen sind furchtbar geworden, zeugen von einem nur mehr merkantilen Interesse, so dass man sich in Minutenschnelle entscheiden muss. Kein Wunder, wenn man da als Käufer durchdreht.»

Grosse Ruhe

Ein aus Vorzeiten im Bunker erhaltenes Wandbild wurde beim Erforschen der insgesamt 160 Räume als originaler Ugo Rondinone identifiziert. Boros konnte das Fragment einer umfassenderen Arbeit quasi gratis als erstes Exponat überhaupt der jetzt peu à peu in dem Architekturkoloss aufgebauten Sammlung einverleiben. Der für den Pop-Duktus des Schweizers Rondinone eher ungewöhnlich wie in Tusche auf die Wand gepinselte Märchenlaubwald (2003) stammt aus einer Dekade, als der Bunker zeitweilig zum Off-Space für Gruppenschauen umgewandelt wurde. Zuvor tosten in dem seinerseits innen schwarz gestrichenen Gebäude die Elektronik-Bassrhythmen des «Tresors», der als einer der berühmtesten und härtesten Technoklubs seinerzeit nicht nur Fans aus ganz Deutschland anzog. Natürlich war auch Tillmans dort mit seiner Fotokamera auf atmosphärischem Streifzug. Doch Boros hat die Architekturikone einer mittlerweile eingetrockneten Technoszene nicht etwa aus Sentimentalität erworben, wie immer wieder einmal behauptet wurde. Mit den musikalischen Avantgardismen hat der als provokant geltende Werber ohnehin nichts am Hut. Mehr noch, er ist angeblich so geräuschempfindlich, dass er selbst Hintergrundmusik als extrem störend empfindet: «Wie bei vielen Leuten, die stark visuell orientiert sind, sind auch bei mir andere Sinne eher unterentwickelt. Ich bin schon von Berufs wegen um die Kraft der Bilder bemüht.»

Mit der Frage, wann denn die Sammlung endlich zu besichtigen sei, wird Boros nun von allen Seiten penetrant bedrängt. Darauf angesprochen, winkt er erst einmal ab: «Der Umbau ist fertig, aber mit einer allgemeinen Eröffnung lasse ich mir Zeit. Es herrscht gerade zu viel Kunsthype. Mir glaubt ohnehin bald keiner mehr, dass ich die Sammlung eröffne, so oft, wie ich den Termin bereits verschoben habe. Das Unvollendete ist immer das Spannende, der Utopos: Das, was man nie erreichen kann! Ich empfinde die räumliche Konzeption der Sammlung gerade wie eine Never-Ending-Story mit einer Frau, die nicht wirklich zu besitzen ist. Alles andere wäre doch auch langweilig!» Da ist natürlich ein Stück weit Koketterie mit im Spiel. Boros ist viel zu dickköpfig vernarrt in sein Bunkerprojekt, als dass er es nicht in absehbarer Zeit vollenden würde. Anders als Flick & Co. hat Boros aber weder vom Staat noch von der Stadt Berlin irgendwelche Zuschüsse für das architektonische Gehäuse und die Infrastruktur seiner Sammlung bekommen. Unlängst erst entschied der Bund, die Zahlung für die Berliner Zivilschutzanlagen generell einzustellen. Der 1943 von Karl Banack gebaute Bunker nahe der Friedrichstrasse ist allerdings das einzige aus dem Zweiten Weltkrieg erhaltene Exemplar im Zentrum und steht unter Denkmalschutz. Ein mit ausschlaggebender Grund, warum Boros und sein Architekt Jens Casper vom Berliner Büro Realarchitekten von Anfang an entschieden haben, das Gebäude möglichst authentisch zu belassen und eher im kruden Stil einer Parkhausästhetik zu renovieren. Und so sieht man auch am Boden noch die Grundmauern der ursprünglichen Toiletten sich abzeichnen.

Die Denkmalschutzbehörde gestand Boros schliesslich zu, dass er bei einer Raumeinheit pro Stockwerk die Decke durchbrechen durfte. Das war auch dringend nötig, da die niedrigen Stockwerkhöhen gar nicht zugelassen hätten, Hochformatiges zu positionieren oder gar voluminösere Dinge inszenatorisch ausgeklügelt in den Raum zu stellen. John Bock und Jonathan Meese sind für die erste Präsentation mit Auftragsarbeiten eigens für den Ort betraut worden. Und sie werden laut Boros nicht die Einzigen bleiben: «Alle Künstler meiner Sammlung haben ein Interesse, ihre Arbeiten im Bunker selbst zu hängen. Das ist ja das Schöne bei Contemporary Art, dass man die Künstler in der Regel gut kennt und freundschaft liche Kontakte pflegt. Die Räume sind schwer zu bespielen, aber gerade das reizt die Künstler. Zum Teil schicken sie Installationszeichnungen für die Räume, zum Teil kommen sie selbst zum Aufbau vorbei. Olafur Eliasson arbeitet an einer grossen neuen Lichtkugel für den Bunker: Weisses Licht soll durch Spezialglas in farbiges Licht aufgespalten werden. Daneben überlegen wir gemeinsam mit den Künstlern, wie man die vielen Arbeiten in dem Bunker unterbringen kann.»

DAS Hier und jetzt verstehen

Boros besitzt um die 480 Werke. Wer die Sammlung im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) vor drei Jahren gesehen hat und jetzt virtuell nochmals die Sammlung auf der Website durchwandert, staunt immer wieder über die Entschlossenheit, mit der sich Boros die mitunter auch harten Korinthen aus dem Œuvre eines Künstlers herauszupicken wusste. An neueren Eroberungen sind vor allem traumverloren-assoziative Bilder von Zbigniew Rogalski, Paulina Olowska und Thomas Zipp hinzugekommen, zugleich hat Boros auch an modernistische Konzepte doppelbödig aufschliessende Skulpturen von Monika Sosnowska und Michael Beutler angekauft. «Ich will das Jetzt, das Hier und Heute verstehen», erklärt Boros. «Ich meine damit nicht die Trends in der Kunst, dass man zum Beispiel eine Weile der Fotografie und dann beschmierten Leinwänden hinterherläuft. Das ist doch etwa so bekloppt, als wenn ein Briefmarkensammler sich allein auf Blumenmotive kapriziert.»

Es waren zuletzt vermehrt Unkenrufe zu hören, dass Boros es längst bereut habe, sich mit dem naturgemäss immer teurer werdenden Mammutprojekt und seinen bürokratischen Fallstricken herumschlagen zu müssen. Aber wer sieht, wie selbstzufrieden der Sammler durch das lichte, rundum verglaste und im Finish des Betonkerns perfekt geschliffene Penthouse über dem eigentlichen Herz von Berlin wandelt, glaubt nicht, dass der Sammler und Vater zweier kleiner Söhne irgendetwas bedauert. Boros schiebt die Verzögerungen vor allem auf die schwierige Baugeschichte: «Es gab ja keinen Komplettauftrag an den Architekten. Überhaupt, welcher Architekt hat denn die Geduld, vier Jahre lang an einem Projekt herumzuknabbern? Der Bunker ist ein wahres Kinderparadies: Meine beiden Jungs werden traurig sein, wenn sie nicht mehr durch die dunklen Gänge des Bunkers toben können. Sie haben sich eine regelrechte Taschenlampensammlung zugelegt.» Am Ende verrät er, dass er mit der Eröffnung doch noch unbedingt dieses Jahr Ernst machen will. Immerhin sei 2007 das Bond-Jahr, und Boros gehört zu den absoluten Aficionados des Superagenten in Geheimmission.



zur Selbständigkeit genötigt

Bei Bazon Brock hat Boros Kunstgeschichte studiert und vor allem intensiv über Ken Adam, den ingeniös utopistischen Szenenbildner der Bond-Filme, geforscht. «Brock war es auch, der mich zur Selbständigkeit genötigt hat», gesteht Boros. In seinem eher puritanisch mit wenigen Designklassikern eingerichteten Penthouse hängt als absoluter Blickfang eine Lampe, deren reflektierende Kaskaden aus unterschiedlich langen Muranoglasröhren zwischen Weiss- und Bronzetönen spielen. Die Preziose von Kronleuchter ist nicht von ungefähr aus filmhistorisch bedeutendem Glas der Manufaktur Venini gefertigt – diese Glasbläserei spielt als Handlungsort des Bond-Films «Moonraker» (1979) eine triftige Rolle. Am Ende entlässt Boros uns mit dem ominösen Satz aus seiner vermutlich teilweise selbst zusammengereimten Bond-Fibel: «Der Böse hat noch niemals die Tür genommen.» Ob das eine ernstgemeinte Warnung ist? Für einen selbst oder gleich die ganze Kunstwelt? Mithin soll es schon Sammler gegeben haben, die sich und all ihre kapitalen Werke auf Nimmerwiedersehen mit ins private Verlies genommen haben. Die Mausoleumsstille des Bunkers gebiert Ungeheuer, keine Frage.