3000 Quadratmeter Darkroom: Der Sammler Christian Boros hat einen Berliner Hochbunker mit Kunst gefüllt

Gesprengt werden kann er ja nicht. Mit dem Bunker würde halb Berlin-Mitte in die Luft fliegen – so massiv ist der Klotz an der Reinhardtstraße, so viel Sprengstoff bräuchte man, um ihn zu zerstören. Er hält bis heute, der „Reichsbahnhochbunker“ vom Typ „M 1200“ – für exakt so viele Menschen standen hier einst Betten bereit, aber bis zu 3000 fanden Platz.

Die Zitadelle war vom Architekten Paul Bonatz 1942 durchaus nicht nur als Bombenschutz, sondern für die Ewigkeit, als „Kriegsehrenmal“ geplant worden, das später einmal, in der projektierten Welthauptstadt „Germania“, an den Endsieg erinnern sollte. Darum schuf Bonatzeine Camouflage: die Minimalversion eines florentinischen Renaissancepalasts – vierseitig mit Portikus, blinden Fenstern, auskragendem Dachgesims.

Bonatz, der übrigens 1928 Mitgründer einer deutschkonservativen Architektengruppe namens „Der Klotz“ war, entwarf auch das berühmte Basler Kunstmuseum – und wie soll man das jetzt nennen: Ironie des Schicksals? Heute ist der Berliner Klotz nicht nur ein Mahnmal des Krieges, sondern auch ein hell strahlender Ort der Kunst. Vom nächsten Wochenende an kann er besichtigt werden.

Das hätte man jedenfalls nicht erwartet: dass sich die geballte politische und kulturelle Hauptstadtprominenz (Wowi, Will und Westerwelle / Raue, Weiss und Bastian) an einem kalten, regnerischen Vorfrühlingsabend vor dem trutzigen Würfel drängelt, bestaunt von irritierten Passanten, um, handverlesen von einem strengen Türsteher, aus dem Dämmerungsdunkel in ein Labyrinth des Lichts einzutauchen – und das in einem Bunkerverlies des Zweiten Weltkriegs.

Das ist das Werk von Christian Boros. Der Wuppertaler Werber mit dem markanten, haupthaarfreien Schädel – seineKunden erwirtschaften zusammengerechnet einen nicht unerheblichen Teil des Bruttosozialprodukts – hat mit Gattin Karen Lohmann schon Damien Hirst gesammelt, als dieser noch ein unbekannter, pickeliger Londoner Lad war. Dazu noch: Peyton, Tillmans, Reyle, Eliasson,Rehberger, Bock, Bell . . . – „ich sammle Kunst, die ich nicht verstehe“, so lautet Boros’ Losung für seine Lust am Reibungswiderstand.

Wobei: dies ist ohnehin Kunst, die mehrheitlich ohne beiliegendes Glossar auskommt. Ihre starkfarbige Verführungskraft streut ein süßes, schillerndes Gegengift in der monströsen Angstbehausung aus – und verwandelt sie in den aufregendsten Kunstpalazzo der Republik.

Oh heiliger Kantenschutz„

Schauen Sie“, sagt Boros, „der Eisblock“. Ein schwarzer, karstiger Riegelumfängt eine Neonröhre, hoch oben an der Wand. Das soll Eis sein? Doch doch: es tropft, nässt, formt schwarze Lachen, die in den Beton einsickern – und ein Bunkerstockwerk tiefer von der Decke regnen. „Absicht“, sagt Boros. „In den Sechzigern haben viele Männer Blöcke gebaut“ – er meint die minimalistischen Künstler. „Oh heiliger Kantenschutz! Der Klotz ist die Vollendung der Männlichkeit. Hier verflüssigt er sich. Dass mir nur keiner in die Lache tritt!“ Die junge Künstlerin Kitty Kraus, derenTropfwerk das Gebäude schwarz imprägniert, ist fraglos eine Entdeckung – und Boros’ Ironie der eigenen Klotz-Besessenheit gegenüber bemerkenswert.

Schließlich hatte man ihn vor fünf Jahren für verrückt erklärt, als er den Bunker kaufte. Was er denn mit dem Monstrum wolle? 1945 zog hier die Rote Armee ein, später hieß das Ding in Volkes Mund „Vorweihnachtsbunker“, der kubanischen Bananen wegen, die der „VEB Obst Gemüse Speisekartoffeln“ hier von 1957 an lagerte. Nach der Wende übernahm der Bund den Würfel – es fanden halblegale Fetisch- und S/M-Parties, Sexmessen sowie Gabba, Trance, Techno und andere harte Clubspielarten statt.

Nach ein paar Stunden, sagt Boros, habe man in Pfützen aus den eigenen Ausdünstungen getanzt. Er war sofort fasziniert von dem schrundigen, narbigen, von Graffiti und Einschusslöchern markierten Gebäude, das er seinen „3000-Quadratmeter-Darkroom“ nennt. Finanziert hat er das Projekt übrigens alleine.

Boros verfolgte ein Ziel: Hier sollen sich Künstler austoben dürfen. „Ihre Freiheit gegen ein Monument des Faschismus“ – und zwar „nicht durch Kuratorenhände dramatisiert“. Doch es gab im Innern nur kleine Kammern, 160 an der Zahl, zu eng für die Kunst – Boros musste einen Baumeister finden, „der nichts hinzufügt, sondern etwas weg nimmt“. Genauer gesagt: die Raumanzahl sollte halbiert werden, auf achtzig.

Das Berliner Büro „Realarchitekten“ rückte also dem Bau „aus hammerhartem Beton“ mit Diamantsägen zu Leibe, fräste Wände und Decken weg, trug Berge von Schutt hinaus und schuf so neue Sichtachsen und Schächte, Galerien und Raumfolgen, krempelte das ganze Gebäude um wie einen Rubik’s Cube, verschachtelte es wie einen Loos’schen „Raumplan“ – und vollendete so eine weitgehend im historischen Habit belassene Mischung aus James-Bond-Schurkenzentrale, römischen Katakomben und Parkhaus. Museal wird’s aber nie – die Künstler haben neue, ortsbezogene Werke geschaffen, haben sich selbst inszeniert.

Und wie. Schwarze Blitze schieben sich durch die Wände, durchzucken den Bunker als begehbare Keile, als wären es Ruinen sowjetischer Revolutionsarchitektur (Monika Sosnowska); einsam glüht, giftgelb im Schwarzlicht, Anselm Reyles Holzkarrenskulptur; Kris Martins mächtige Bronzeglocke läutet gleich eingangs – zweck- und lautlos, weil ihr der Klöppel fehlt; Katja Strunz’ schwarze Holzsplitter klettern behende und elegant Wände und Schächte hinauf, über drei offene Stockwerke – und Tobias Rehbergers Wald bunter Leuchtobjekte kommt den Besuchern des Kunst-Labyrinths auf Kopfhöhe entgegen. Vom Kunstlicht-Düsentrieb Olafur Eliasson stammen allein sieben Räume; in einem davon baumelt ein Ventilator fröhlich vor sich hin, bewegt allein durch die eigene Propeller-Rotation.

Wegen einer Arbeit gab es schon – ungezählte– Notrufe. Der wächserne Patient vom Duo Elmgreen & Dragset starrt, lebensecht im Krankenbett, aus einer der wenigen Fenster ins angrenzende Hotel. Die Gäste dort, erzählt Boros, vermuten im Bunker regelmäßig „Menschenexperimente wie bei Mabuse“: „Dieses Kunstwerk funktioniert nur von draußen.

“Hilfe, eine Spalt-Tablette!

Malerei? Kaum. Aber bei der Voreröffnung wurden den Gästen thailändische Hühnersuppe und Wasser im schnöden Plastikgeschirr gereicht – ein Ritual des Gastmahl-Künstlers Rirkrit Tiravanija. John Bock drehte im noch aufgelassenen Bunker einen Horrorfilm besonderer Art: eine Verfolgungsjagd, erhellt nur durch die Taschenlampe – und der Häscher ist eine riesige Spalt-Tablette.

Es ist, als wolle diese heiter-abgründige Inszenierung jegliches Bedrückende, Klaustrophobische vertreiben – als wolle sie das Grauen der Kriegsjahre, das noch in diesen Mauern steckt, exorzistisch bannen. Ohne oberflächliche Spielchen allerdings – der Kontext, mit den Bodenöffnungen der Toiletten von ehedem, mit den Lüftungsschächten und Ventilatoren, bleibt präsent, die Kunst selbst zwiespältig: Santiago Sierras riesige Riegel, schwarzglänzend, haben eine Wand durchstoßen – auf Geheiß des Künstlers mussten noch einmal vier Blöcke herausgefräst werden; sie liegen auf dem Boden. Saubere Schnitte – und doch sieht es so aus, als seien die Skulpturen hier wie große Projektile eingedrungen. Kris Martin hat seinen Schädel per Computertomografie abgemessen, in Bronze gegossen und ausgestellt: So sieht man den Künstler schon zu Lebzeiten als Toten.

Dann geht es durch drei Meter Decke hindurch, auf einer Stahltreppe in einem Schacht, Dutzende Betonarmierungen ragen noch, wie Greifarme, aus der Wand; es war Schwerstarbeit, das Flachdach aufzusägen. Oben herrscht lichte Transparenz überm Muschelkalkplateau: Das Penthouse, auf 1000 Quadratmeter Fläche,ist ein Glaskubus mit Flugdach, ein bisschen Pierre Koenig, ein bisschen Sep Rufs Kanzlerbungalow in Bonn, ein bisschen Mies van der Rohe – und viel Berlin drumrum. Hier hängen Hirst und Daniel Richter und Elizabeth Peyton an den wenigen Wänden – das Loft ist eine lichte Krone über dem schweren Sockel. Wie gesagt: Sprengen kann man den Bunker nicht. Aber bezwingen.

HOLGER LIEBS