CHRISTIAN BOROS FÄLLT AUF

In einer Gruppe von Galeristen und Museumsleuten, auf der Art Basel oder in diesen Tagen auf der Art Cologne, ist er der mit dem großen, runden, kahlen Schädel. Der Kopf ist sein Markenzeichen. Und das freche Mundwerk, mit dem er die Kapriolen des Kunstmarkts aufs Korn nimmt oder die Praktiken der "Societykäufer", denen "a piece of Neo Rauch" über dem Sofa mindestens so wichtig sei wie ihren Ehefrauen die neue Tasche von Hermès.

Er spottet, weil es ihm ernst ist mit der Kunst. Christian Boros, 39, hat ein Lebensthema: Es ist die Wahlverwandtschaft von Unternehmern und Künstlern. Beide sind für Boros Frontfiguren, weil sie, wie er glaubt, denselben Imperativen folgen: Radikal "ich" zu sagen, Autorschaft zu bezeugen und in der Gegenwart zu leben, sich zur Zeitgenossenschaft zu bekennen.

Boros selbst ist eine Frontfigur, als Eigentümer und Chef der Wuppertaler Werbeagentur Boros, zu deren Kunden Siemens, Viva und Coca-Cola zählen, und als Sammler zeitgenössischer Kunst, der in anderthalb Jahrzehnten mehr als 400 hochklassige Exponate, vom Video bis zur Tuschzeichnung, zusammengetragen hat.

Und Boros sagt emphatisch "ich". Selbstzweifel und Grübeleien sind ihm fremd, Fehler allenfalls "Teil der Biographie". In dieser Selbstgewissheit steckt sein Glaubensbekenntnis. Seine umgekehrte Bergpredigt. Vom Künstler und vom Unternehmer lernen, heißt für Boros, eigensinnig sein bis zur Vermessenheit, unbedingt an sich selber glauben, der eigenen Intuition und der eigenen Bestimmung folgen.

Eigenschaften, die Boros bei den meisten Managern, "diesen Konsensmenschen, die nach Marktforschungsergebnissen schielen", vermisst. Derlei "Angsthasenstrategien" passen für ihn nicht zum wahren Unternehmer, den Boros wahlweise als "einsamen Leitwolf" sieht, der "das Rudel hinter sich weiß", oder als Originalgenie, irgendwo zwischen Picasso und Bill Gates. Am besten, er hat in seiner Jugend Karl May und Jack London gelesen, wie Boros selbst, für den der "Ruf der Wildnis" das "beste Dopingmittel" war, um sich in der Feindwelt der Erwachsenen zu behaupten.

Das muss man wörtlich nehmen. Im polnischen Zabrze, wo Boros aufgewachsen ist und zur Schule ging, gehörte die Familie nach dem Krieg zu den "Scheißdeutschen". Als sie Anfang der Siebzigerjahre nach Köln umzog wurde der 12-jährige Christian auf dem Schulhof als "Scheißpollacke" beschimpft. Er hat das Wort heute noch im Ohr. Ganz deutlich. "Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich diesen Ehrgeiz, diese Energie entwickelt habe: Entweder man zerbricht oder man zeigt es allen."

Boros nahm sich vor, es allen zu zeigen. "Seitdem ich mich kenne", sagt er, "habe ich die Faust in der Tasche." Er war der "Einserschüler", der "Streber", der "Spinner", der "Außenseiter", der anders sein wollte als alle andern und damit Erfolg suchte.

Er wandte sich der Kunst zu - aus Opposition zum kunstfernen Elternhaus, dem das Fantasialand als Ausflugsziel näher war als das Museum Ludwig. Es waren die goldenen Zeiten der Kunstmetropole Köln. Die Galerieszene in der Stadt zog das Publikum aus aller Welt an. Die Bilder der Neuen Wilden wurden als der letzte Schrei herumgereicht.

An Joseph Beuys, dem niederrheinischen Mystiker und geschassten Kunstprofessor der Düsseldorfer Akademie, schieden sich die Geister. Boros erstand eine von Beuys signierte Einladungskarte und steckte sie an seine Ikea-Korkpinnwand. Eine "minikuratorische Tat", wie er heute sagt, mit großer Wirkung. Das Kärtchen wurde von den Eltern als Manifest gelesen. "Mein Vater regte sich furchtbar auf." So einfach funktionieren Bilder, dachte der 16-Jährige, so inszeniert man einen kleinen Skandal.

Nach glänzend bestandenem Abitur kaufte sich Boros kein Auto, sondern - wieder einen Beuys. Er schrieb sich nicht, wie es die Eltern wünschten, bei den Medizinern oder Juristen ein, sondern ging nach Wuppertal, um bei Bazon Brock zu studieren, dem schillernden Pop-Philosophen, der es fertig brachte, 24 Stunden lang Kopfstand zu üben und dabei Adorno zu zitieren. "Bei dem zu studieren, das war in den Augen meiner Eltern, als wollte ich Tänzer werden." Also genau das Richtige.

Boros ließ sich einfangen von Brock, studierte fleißig Kommunikationsdesign, schwärmte für den alten, sexbesessenen Picasso und sammelte Kunst, zum Beispiel ein Bild des jungen, völlig unbekannten Fotografen Wolfgang Tillmanns, für das er 320 Mark zahlte - soviel wie Boros´ Bierkonsum für drei Monate.

Spätestens nach vier Semestern merkte der ehrgeizige Student, dass er zu wenig Geld hatte, aber eine große Klappe und gab Kleinanzeigen in der Lokalpresse auf: "Student macht Werbung". Erst meldeten sich Messerschleifer aus Solingen und Heizungsmonteure aus Wuppertal-Elberfeld. Dann kam der Unternehmer Jost Stollmann, der für seine Firma Compunet einen neuen Auftritt brauchte. Boros verordnete ihm die Hausfarbe schwarz-weiß und ein für die Branche ungewöhnliches Bilderverbot. "Stollmann hat mir einfach geglaubt", sagt Boros, "der hat mich als Partner ernst genommen und mich zur Selbständigkeit ermutigt."

Zu Christian Boros' frühen Vorsätzen gehörte es, niemals im Leben in eine Situation zu kommen, wo er sich aufs Wochenende oder den Feierabend freuen muss. Wer sich auf die Freizeit freut, behauptet Boros, erlebe die Arbeitszeit als unfrei. Dem bleibe nur noch das Hobby. Also gründet er mit 24 sein Werbeunternehmen und spannt geschickt Kommilitonen mit ein. Eines seiner Marketingkonzepte reicht er als Diplomarbeit ein. Mit 25 will er auf Kredit eine 800-Quadratmeter-Villa als neuen Firmensitz kaufen. Die Deutsche Bank schickt ihn weg, die Stadtsparkasse Wuppertal lässt sich überzeugen. Er erinnert sich noch heute daran, wie er seinen ahnungslosen Eltern das umgebaute Haus zeigte. "Die sind glatt umgefallen."

Mit Ende zwanzig lernt Boros Dieter Gorny kennen, einen langhaarigen 40-jährigen Querkopf, der sich vorgenommen hat, einen Fernsehsender zu gründen als Konkurrenz zu MTV. Er soll Viva heißen. Boros entwirft das Erscheinungsbild des Senders. Einer der Spots zeigt das Logo des Senders - ein mit heißem Urin in den Schnee gepisstes Kreuz. "Grenzen sind dazu da, verschoben zu werden", meint Boros, "Grenzen markieren Normalität, Konvention, und alles, was darüber hinausgeht, ist unnormal, erregt Anstoß, also Aufmerksamkeit."

Das hat sich der Unternehmer Boros bei den Künstlern abgeschaut. Der Künstler, sagt er (als habe es die Pop Art nie gegeben), sei allein auf seine Wahrheit verpflichtet, "frei von allen Distributionsüberlegungen". Während Werbung bestimmte Zielgruppen anvisiert, von denen sie verstanden werden will, geht der Künstler aufs Ganze: Er traut allein seiner Subjektivität - auf die Gefahr hin, nicht verstanden zu werden. Das hat Boros immer gereizt, seit er sammelt: Die Unverständlichkeit, die radikale Subjektivität der Kunst. Je unverständlicher, desto verheißungsvoller. "Ich kaufe, was ich nicht verstehe", gehört zu Boros' Leitsätzen. Er sammelt, wie er reist: Mit Neugierde, ohne feste Route, auf eigene Rechnung. Die Kunst soll ihm nicht gefallen, sie soll ihn aufstören, abstoßen, verunsichern. Irritation ist der "Urimpuls" seiner Sammlung. Darin ist er ganz braver Schüler der Avantgarde. Ein Künstler, dessen Bild ihm sofort einleuchtet, hat schon nach ein paar Tagen verloren. Ein Werk, das ihn misstrauisch macht, ist dagegen wie eine Einladung zum Flirt.

Bei allen großen Werkgruppen seiner Sammlung, von Tobias Rehberger, über Olafur Eliasson, bis zu Elizabeth Peyton hat er, wie er beteuert, am Anfang keinen Zugang gefunden. Peytons Zeichnungen erschienen ihm zunächst wie süßliche Dokumente eines "Bravo lesenden Mädchens, das seine Pophelden ins Poesiealbun malt". Inzwischen gehören die kleinformatigen, intimen Zeichnungen zu seinen Favoriten. Eliassons Installationen kamen ihm vor wie spröde naturwissenschaftliche Versuchsanordnungen. Jetzt steht seine raumgreifende, begehbare Edelstahlskulptur "Your Spiral View" als eines der Hauptstücke der Sammlung Boros im Obergeschoss der Kunstsammlung NRW, im Düsseldorfer K 21.

Seit er sammelt, versucht Boros der Gegenwart den Puls zu fühlen. Die geistige Klammer seiner Sammlung ist ihr Gegenwartsbezug. Deshalb interessieren ihn bei aller Liebe zur Malerei nicht bestimmte Medien oder Konzepte, sondern allein die Zeitgenossenschaft, die sich in einem Pluralismus der Stile, in Videos, Environments oder Tafelbildern manifestiert. Deshalb liegt auch ein Schleier der Vergänglichkeit und Melancholie über seiner Sammlung. Sie ist ein Dokument seiner Lebensgeschichte.

Boros hat seine Künstler in der Subkultur der Metropolen kennen gelernt, Anfang der Neunziger in London im Umkreis des Groucho Clubs, als es um Sex und Gewalt ging und die Sujets vom gehäuteten Tierkadaver bei Damien Hirst bis zum zeichnerischen Protokoll eines Vergewaltigungstraumas bei Tracey Emin reichten. Heute entdeckt er sie in Berlin oder Warschau, wo junge Maler wie Wilhelm Sasnal oder Zbigniew Rogalski eine stille, symbolistisch aufgeladene Ostpopästhetik inszenieren.

Im Frühjahr 2006 soll die Sammlung Boros eine im Wortsinn feste Bleibe im ehemaligen Reichsbahnbunker in Berlin-Mitte finden, auf sechs Stockwerken, hinter meterdicken Wänden. Der Ort passt zum metropolitanen Thrill der Sammlung. Vor ein paar Jahren noch feierte die Berliner Clubszene im Bunker ihre Techno-Partys. Im Sockelbereich wuchern Graffitis. "Ein hermetisches Gebäude, das Ernsthaftigkeit ausstrahlt, ohne Café und Museumsshop", sagt Boros. Er hasst "diese neue Museumsoffenheit, mit Glasfassaden, die dem Publikum die Schwellenangst nehmen soll."

Seine Kunst ist nichts für Angsthasen. Bei Boros wird der Besucher durch drei gasdichte Schleusen in fensterlosen Räumen gehen, wo absolute Dunkelheit herrscht. Es sei denn, der Hausherr knipst das Licht an. Er wird in einem Penthouse über dem Bunker wohnen.

Christopher Schwarz